Wer als Musiker heute etwas für seine Karriere tun möchte, der sollte ausdrucksstarke Fotos von sich machen lassen - Fotos, die in Erinnerung bleiben. Auf diese Formel lässt sich eine Entwicklung bringen, die seit der Jahrtausendwende die Klassikbranche erfasst hat.
Dahinter steht auch der Wunsch der Marktstrategen, dass Stars der klassischen Musik moderner, heutiger wirken sollen und so ein jüngeres Publikum gewinnen. Eine Schlüsselrolle in diesem Prozess spielt das Fotografenduo Kasskara, das die Ästhetik der zeitgenössischen Musikfotografie revolutioniert hat: Es holte Musikerinnen und Musiker von den Podesten an ungewöhnliche Orte, es experimentierte mit einer Fotosprache, die sich wesentlich rauer, auch fantasievoller und persönlicher gebärdete als zuvor.
Und dieser Stil wirkt bis heute fort. Zugleich werden jetzt öfter Modefotografen engagiert, um Klassikstars abzulichten. Das heizt zusätzlich jene Diskussion an, die sich mit der Frage beschäftigt, ob gutes Aussehen Grundvoraussetzung für eine große Klassikkarriere ist oder nicht.
Ein Mausklick auf das Vorschaubild zeigt die Originalansicht.
Der Pianist Lang Lang
Der Fotograf Felix Broede hat dem Pianisten Lang Lang "eine Aura inszeniert" - so die Fotohistorikerin Sabine Schnakenberg. Und zwar mit bewährten Mitteln, eben sowohl durch den großen Freiraum um Lang Lang herum als auch durch den Schattenwurf, die geschlossenen Augen, die abstehenden Haare, die Unschärfe in der Bewegung.
Der Flötist James Galway
Musikerinnen und Musiker in der Natur abzubilden - ein Weg, um Musik zu visualisieren durch "Naturmusik": etwa durch das Plätschern des Wassers, das Pfeifen des Windes.
Der Komponist und Klarinettist Jörg Widmann
Heutige Musikfotografie bewegt sich nicht im traditionsleeren Raum: Fotohistorikerin Sabine Schnakenberg erinnert dieses Bild von Felix Broede an eine der berühmtesten Bildserien von Irving Penn, der zahlreiche Prominente in einer Ecke stehend ablichtete. Unter anderen fotografierte er so 1948 den Komponisten Igor Strawinsky.
Die Sopranistin Anna Netrebko
Sie ist eine der am häufigsten fotografierten Sängerinnen unserer Zeit: Anna Netrebko. Personalisierung: diese Marketing-Strategie aus dem Pop- und Rockgeschäft kann auch in der Klassik-Branche funktionieren, wie der Medienrummel um die Netrebko beweist.
Die Sopranistin Annette Dasch
Annette Dasch wird in Interviews oft zum Musikfotografiethema befragt und sie findet: Es reicht! "Immer geht's nur um diese komische Optik in der Klassikbranche. Das ist doch irgendwie traurig, oder! Warum unterhalten wir uns nicht über echte Inhalte?"
Das Fauré Quartett
Mat Hennek fotografierte das Fauré Quartett in Berlin, im Eingangsbereich zum U-Bahnhof Potsdamer Platz. Das Bild landete auf dem Cover zur Brahms-CD des Klavierquartetts. Die Fotohistorikerin Sabine Schnakenberg analysiert: "Brahms wird aus den Kabinetten herausgeholt und ins Zentrum der modernen Metropole Berlin gestellt." Sprich: Unter den Händen dieser jungen urbanen Menschen werden Brahms' Kompositionen in unsere Zeit geholt, an den Puls zeitgenössischen Kulturlebens.
Die Pianistin Hélène Grimaud
Der Fotograf Mat Hennek, einst einer der beiden Köpfe von Kasskara, geht jetzt neue Wege - abseits der gängigen Hochglanzpfade. Er möchte die Klassikstars jetzt natürlicher, dokumentarischer im Stil porträtieren, sie also weniger inszenieren. Die Bilder seiner Lebensgefährtin, der Pianistin Hélène Grimaud, zeugen davon.
Der Trompeter Gábor Boldoczki
Die Fotografin Monika Lawrenz fängt besonders gern den Musizierprozess ein. Und dazu gehört für sie auch, Schweißtropfen und ähnliche Zeichen der Anstrengung und Konzentration nicht wegzuretuschieren.
Das Beaux Arts Trio
In Konzerten fotografiert Monika Lawrenz mit lautloser, nicht-blitzender Kamera. Sie sagt: "Wenn ich fotografiere, steht wirklich die Musik im Vordergrund. Ich möchte der Musik dienen."
Der Pianist Lang Lang
Stundenlang verfolgt Monika Lawrenz Proben. Hier beobachtete sie den Pianisten Lang Lang bei den Proben für ein Konzert mit dem Schleswig-Holstein Festivalorchester.
Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt
Marco Borggreve sucht beim Fotografieren ungewohnte Blickwinkel. Hier fing er Nikolaus Harnoncourts Hochspannungsarbeit aus der Froschperspektive ein.
Die Geigerin Viviane Hagner
Viviane Hagner hatte am Vorabend zum Fotoshooting ein Konzert gespielt. Während Marco Borggreve sie fotografierte, versank sie noch einmal in die wenige Stunden zurückliegende Aufführung.
Die Mezzosopranistin Christianne Stotijn
Ein Markenzeichen von Marco Borggreve: Von ihm porträtierte Musikerinnen und Musiker haben oft eine sehr hell leuchtende, porzellan-zarte Haut. "Könnte ich Haut neu erfinden, würde sie so aussehen", sagt Borggreve.
Die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova
Die Kölner Fotografin Sonja Werner beobachtete Musiker in der Zeit vor ihrem Auftritt. Geduldig wartete sie auf solche Momente:
... wenn Vesselina Kasarova sich sammelt und in die Musik versenkt;
Der Cellist Gautier Capuçon
... wenn der Cellist Gautier Capuçon zum Auftritt eilt;
Der Pianist und Komponist Fazil Say
... wenn der Pianist Fazil Say im noch leeren Konzertsaal am Flügel seine Anspannung zähmt. Um solche magischen Momente einzufangen, braucht es nach Ansicht von Sonja Werner "viel Demut und Hingabe - wie in der Musik".
Musikfotografie heute
"Musikszene" am Sonntag, 20. September 2009, um 15:05 Uhr
Letzte Änderung: 21.09.2009 15:29 Uhr
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