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AKTUELL VOM 06.04.2010
Bundeswehrsoldaten bei der Teilnahme an der Trauerfeier für ihre gefallenen Kameraden im Feldlager in Kundus. (Bild: AP) Bundeswehrsoldaten bei der Teilnahme an der Trauerfeier für ihre gefallenen Kameraden im Feldlager in Kundus. (Bild: AP)

"Ich hatte einen Kameraden"

Eindrücke von der Trauerfeier der Bundeswehr in Afghanistan

Von Frank Capellan

Es herrscht Trauer im Bundeswehr-Camp in Afghanistan: drei deutsche Soldanten sind bei einem Angriff an Karfreitag getötet worden. Zusammen mit Bundesminister Dirk Niebel, der zu Besuch ist, trauern die Soldaten um ihre Kameraden - und wünschen sich mehr Verständnis und bessere Bedingungen.

Es ist eine skurrile Szenerie: Aus der Konserve erklingt die inoffizielle Hymne der Fallschirmjäger. "An die Maschinen, an die Maschinen, Kamerad da gibt es kein zurück", plärrt der Refrain blechern aus den Lautsprechern auf dem Appellplatz von Kundus. 1200 deutsche Soldaten sind hier stationiert, die meisten von ihnen sind zur Trauerfeier gekommen, um Abschied zu nehmen von drei gefallenen Soldaten.

Der Pfarrer wird später von der Schönheit der Landschaft sprechen, die so gar nicht zur Stimmung dieses Tages passt. Es ist warm, die Sonne brennt vom stahlblauen Himmel, fern am Horizont ragen schneebedeckte Bergriesen aus Schönwetterwolken heraus. Auf dem riesigen Platz stehen drei Transportpanzer vom Typ Fuchs, die Ladeluken geöffnet, der Blick ist frei auf drei Eichensärge, bedeckt mit einem rotem Tuch.

Vier Uniformierte mit Trauerflor am Arm stehen auf jeder Seite der Panzer, jeder trägt ein gerahmtes Foto, Bilder der gefallenen Kameraden. 25, 28 und 35 Jahre sind sie alt geworden, sie hinterlassen Frauen und Kinder. Alle drei waren Angehörige des Fallschirmjägerbatallions 373 in Seedorf in Niedersachsen.

Niebel, dem Hauptmann der Reserve, sind die Traditionen hier nicht fremd, der Entwicklungsminister war einst selbst Fallschirmjäger, jetzt steht er im schwarzen Traueranzug vor den Soldaten, eigentlich wollte er nach Kundus kommen, um sich anzusehen wie das Militär den zivilen Wiederaufbau begleitet. Jetzt ist er unvermittelt zum Trauerredner der Bundesregierung geworden ...

Wir dürfen uns von heimtückischer Gewalt nicht beeindrucken lassen, lautet der Appell des Ministers. Die Strategie der Bundesregierung ist richtig...

Glück ab! Niebel endet mit dem Gruß der Fallschirmjäger.

An seine Zeit bei der Truppe fühlt er sich schon am frühen Morgen erinnert, als er auf dem Stützpunkt von Masir-i-Sharif in einen CH 53, einen Transporthubschrauber der Luftwaffe steigt. Anderthalb Stunden sind es nach Kundus, die Heckklappe bleibt geöffnet, ein Soldat positioniert sich am Maschinengewehr, nimmt die unwirtliche Landschaft ins Visier, um eventuelle Angreifer aufzuspüren. "Wenn da offen ist, meine ich immer, ich müsste runterspringen", scherzt Niebel, der Fallschirmjäger außer Dienst. Das empfiehlt sich nicht, es wird im sogenannten Konturenflug geflogen, erklärt ein anderer Soldat, der vorn ein Gewehr am offenen Fenster bedient. Maximal zehn, zwanzig Meter über dem Boden, immer an den Konturen der Landschaft entlang, um von möglichen Gegnern erst ganz spät entdeckt zu werden ...

Wild und schön ist der Norden Afghanistans, die aufgehende Sonne scheint auf rote Felsen, dann wüstenähnliche Abschnitte, schließlich Hänge mit frischem Grün, eigentlich eine friedliche Szenerie, nur ab und zu rennen Schafe oder Ziegen panikartig vor den Hubschraubern davon. Für deutsche Soldaten eine der gefährlichsten Gegenden in Afghanistan. Bis zur Ankunft in Kundus schaut Niebel gedankenversunken durch die geöffnete Luke ...

Als ihn am Karfreitag die Nachricht vom Tod der drei Deutschen erreicht, sagt der Entwicklungsminister seinen Besuch in Kundus zunächst ab, die Soldaten hätten jetzt wichtigeres zu tun, als einen Minister zu empfangen, meint der FDP-Politiker. Dann machen Gerüchte die Runde, Verteidigungsminister zu Guttenberg würde seinen Urlaub in Südafrika abbrechen und direkt nach Afghanistan reisen, eine Falschmeldung. Schließlich entscheidet Niebel, auch auf Wunsch der Kanzlerin, doch nach Kundus zu reisen und die Gefallenen nach Hause zu bringen.

Nicht alle sind von dieser Idee begeistert, manche sprechen davon, ein Minister wolle sich auf ihre Kosten profilieren, was sie nicht wollen ist ein großes Medienspektakel:

Oberstleutnant Paul-Georg Weber macht den Funk- und Fernsehenleuten klare Ansagen, er hat in den letzten Tagen viel mit seinen Kameraden gesprochen. Er weiß, was in vielen jetzt vorgeht, 2002 war er dabei, als vier deutsche Soldaten in Kabul bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben kamen. Nur wenige wollen jetzt nach Hause, versichert er.

Doch viele haben Wut im Bauch. Mancher vielleicht auch wenn er den Minister aus Deutschland hört, oder General Frank Leidenberger, den Oberkommandierenden, der auf der Trauerfeier Optimismus verbreitet.

Wir stehen alle hinter diesem Einsatz, sagen sie wenn die Mikrofone ausgeschaltet sind, aber wir wollen uns von niemandem in Deutschland verschaukeln lassen. Sagt denen zu Hause, was hier wirklich los ist. Gebt uns die Chance, diesen Auftrag zu erfüllen. Unterstützung aus der Luft hat es beim Gefecht bei Tschadarah nicht gegeben, meint ein deutscher Soldat. Zwar überflogen Kampfjets das Gebiet südwestlich von Kundus, aber es wurde nicht geschossen. Seit dem 4. September, als Oberst Klein befahl, zwei Tanklaster zu bombardieren, ist die Angst viel zu groß, Zivilisten zu treffen. "Die Taliban lachen sich doch über uns kaputt", glauben viele Soldaten. "Hätten wir den Tiger gehabt, den Kampfhubschrauber, dann würden die Kameraden vielleicht noch leben"

Es ertönt die Melodie von "Ich hatte einen Kameraden". Unter den trauernden Soldaten sind auch einige afghanische Armeeangehörige. Oberst Reinhard Zudrop, Oberbefehlshaber in Kundus erinnert daran, dass sechs Afghanen im "Friendly fire" der Deutschen starben:

Langsam fahren die drei Panzer mit den Toten zum Hubschrauber, die Särge werden verladen, im usbekischen Termez wartet die Regierungsmaschine des Ministers. Es sind die Toten Nummer 37, 38 und 39 aus deutschen Reihen. Lange schaut ihnen Dirk Niebel nach, als die Helikopter am Himmel über Kundus langsam verschwinden. Am Boden salutieren die Soldaten, morgen wollen sie wieder raus, zum Einsatz für ein friedlicheres Afghanistan.


Letzte Änderung: 14.10.2010 03:41 Uhr

 

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