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AKTUELL VOM 30.07.2011
Der Rundfunk im Amerikanischen Sektor, kurz RIAS, berichtete fast täglich über die Flüchtlingsströme aus dem Ostteil Berlins. (Bild: DRadio) Der Rundfunk im Amerikanischen Sektor, kurz RIAS, berichtete fast täglich über die Flüchtlingsströme aus dem Ostteil Berlins. (Bild: DRadio)

Der Krieg der Worte und der Propaganda

Mauerstücke - August '61: Vor 50 Jahren wurde die Mauer gebaut (Teil 6)

Von Jörg Hafkemeyer

Walter Ulbricht kehrt aus Moskau mit der Zusage von Nikita Chruschtschow zurück, die Grenze zu schließen. Am 7. August informiert er das Politbüro in Ost Berlin über die Absicht, am 13. August die Stadt abzuriegeln. Es sind Tage des Krieges - ein Krieg der Worte und der Propaganda.

Es sind aufregende Tage vor diesem 13. August 1961. Günter Kunert hört in seiner Wohnung den RIAS. Hört die Berichte über die Lage an der Grenze, über die Grenzgänger. Bürger, die im Osten wohnen und im Westen arbeiten.

"Die Zeit im Funk" vom 4.8.1961 (Auszüge):

"Die Ost-Berliner Verwaltung greift zu Terrormitteln gegen die Grenzgänger. Rückwirkend ab 1. August will Pankow West-Mark für Miete, Pacht, Strom, Gas und Wasser sowie für sogenannte öffentliche Gebühren kassieren. Dazu müssen sich alle Grenzgänger neu registrieren lassen. Betroffen sind auch Personen, die nur gelegentlich in Westberlin arbeiten, also Reinemachefrauen und Haushilfen."

Die staatlich gelenkten Medien der DDR denunzieren die Grenzgänger, sprechen von Menschenhandel und Abwerbung. Gleiches gilt für die Flüchtlinge, die in immer größerer Zahl der DDR den Rücken kehren.

Günter Kunert: "Man hörte Radio und wusste ja Bescheid über die Massenflucht. Aber man rechnete nicht damit, dass die Grenze total gesperrt würde."

So wie Günter Kunert geht es vielen in jenen Sommertagen 1961. Und die Flüchtlingswelle geht weiter.

"Die Zeit im Funk" vom 7.8.1961 (Auszüge):

"2.740 Flüchtlinge, das ist die Bilanz dieses Wochenendes. Einen besonders hohen Anteil unter den Flüchtlingen stellten wieder die Grenzgänger, die durch die Maßnahmen der Ostberliner Behörden vom vergangenen Wochenende in eine verzweifelte Lage geraten sind."

Der Rundfunk im amerikanischen Sektor, der RIAS, strahlt die Geschichte eines Ostberliner Elektrikers aus, der im Westteil der Stadt arbeitet.

"Die Zeit im Funk" vom 4.8.1961 (Auszüge):

"Wir wurden sozusagen politisch vor der Produktionsversammlung und leistungsmäßig gesehen: Wir mussten unsere 100 Prozent haben. Wir haben gut verdient, aber was nützt das alles, wir bekommen für unser Geld nichts. Wir wollen ja nicht vom Regen in die Traufe kommen, und wir wollen ja auch weiter, wenn wir verheiratet sind und es hat ja keinen Sinn, eine Familie im Osten aufzubauen, einen anderen Weg sehe ich nicht."

Während die DDR-Führung weiter im Geheimen die Schließung der Grenze vorbereitet, will der Berliner Senat unter der Führung des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt Grenzgängern und Flüchtlingen helfen. Der Senator für Arbeit und Sozialwesen, Kurt Exner, kündigt das im Radio an:

"Die Zeit im Funk" vom 4.8.1961 (Auszüge)

"Es ist in der Tat auch schwerer für diese Menschen, all diesen Druckmaßnahmen auszuweichen, das ist zweifellos schwieriger. (Reporter:) Würden Sie sich, Herr Senator, gegebenenfalls dafür einsetzen, dass die Mehrausgaben, die die Grenzgänger jetzt haben, dass diesen Grenzgängern ein höherer West-Mark-Betrag zur Verfügung gestellt werden könnte?(Exner:) Ich glaube, dass dies eine Maßnahme ist, die wir am leichtesten durchführen können und dass sie beschlossen wird."

Frederick Taylor, der englische Historiker, schreibt in seinem Buch "Die Mauer" über jene Tage:

"Das SED-Regime erhöhte ohne Zweifel den Druck auf die eigene Bevölkerung. [...] Es begann eine neue Kampagne zur Einschüchterung der Grenzgänger. Schon vorher waren sie Schikanen ausgesetzt gewesen. Mietverträge von Personen, die bekanntermaßen in West Berlin arbeiteten, waren geprüft, in manchen Fällen sogar gekündigt worden, so dass die Betreffenden obdachlos wurden. Jetzt kamen verschärfte Kontrollen an der Sektorengrenze nach West Berlin hinzu, insbesondere am Beginn des Arbeitstages."

Günter Kunert erinnert sich: "Es gab ja, wie immer in solchen Situationen 10.000 Gerüchte. Ja, es wird wahrscheinlich so werden, dass man dann vielleicht einen Passierschein beantragen muss und dass man Schwierigkeiten haben wird, aber dass eine totale Abschottung eintreten würde, glaubte im Grunde keiner."

Dabei ist genau diese totale Abschottung von der SED-Führung beschlossen. Innerhalb der ersten sieben Augusttage flüchten knapp 10.000 DDR-Bürger in den Westen. Innerhalb eines Jahres wären das eine Million Menschen. Die Flüchtlinge werden zu einer wirtschaftlichen wie politischen Existenzfrage der DDR. Frederick Taylor schreibt:

"Am Montag, den 7. August, hatte Ulbricht die Politbüromitglieder von der bevorstehenden Grenzschließung in Kenntnis gesetzt. In derselben Sitzung wurde beschlossen, für den 11. August die Volkskammer einzuberufen, damit sie ihre Zustimmung zu allen nötigen Schritten geben konnte. [...] Am 6. August berichtet ein CIA-Informant, ein in der SED-Organisation seines Bezirks recht bekannter Arzt, er habe im Parteiausschuss gehört, dass für das nächste Wochenende 'drastische Maßnahmen' zur Abriegelung West-Berlins geplant seien."


Linktipps bei dradio.de:

Mauerstücke - Die Reihe in der "Ortszeit" zum Bau der Berliner Mauer vor 50 Jahren

50 Jahre Berliner Mauerbau - Beiträge, Interviews, Reportagen

Sammelportal 50 Jahre Mauerbau


Letzte Änderung: 18.08.2011 08:51 Uhr

 

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