Rund 10.000 Stunden Tonbandmaterial, aufgenommen in allen Teilen der Welt, liegt im Berliner Phonogramm-Archiv. Vom 24. September 1900 datiert die erste Aufnahme. Ein Teil der Wachswalzen mit historischen Aufnahmen ist bereits in jahrelanger Arbeit in Form von Abgüssen gesichert, dokumentiert und digitalisiert worden.
"Süße Worte" so heißt dieses ganz und gar wortlose Stück. Gespielt von einer thailändischen Musik- und Theatergruppe. Aufgenommen von Carl Stumpf am 24. September 1900 bei einer Völkerschau im Berliner Zoo.
"Das ist die erste Aufnahme, die fürs Archiv gemacht worden ist."
Und somit der Grundstein für das Berliner Phonogramm-Archiv. Der Wachszylinder, den Arno Widmann, Tontechniker und Musikethnologe in seinem Tonstudio abspielt, und der ein bisschen so aussieht wie das innere Pappstück einer Toilettenpapierrolle, nur etwas dicker, dieser Wachszylinder ist allerdings nicht mehr das Original von damals - sondern eine Kopie. Denn nur sechs bis zehnmal kann eine Wachswalze abgespielt werden, dann ist die Toninformation, die auf die Wachoberfläche eingraviert war, zerstört.
"Der damalige Leiter Hornborstel war ein Chemiker und der schlug vor: Wir erstellen mit galvanoplastischen Prozessen eine Negativform aus der Originalwalze. Das ist ein gutes Verfahren um Kopien herzustellen. Da sehen sie ganz fein diese Rillen hier - das Prinzip ist wie bei der Schallplatte nur wir verwenden hier statt der Scheibe eine Rolle."
Ein Teil der Walzen, mit Aufnahmen aus der Zeit bis 1954 ist bereits von den Mitarbeitern des Archivs in jahrelanger Arbeit in Form von Abgüssen gesichert, dokumentiert und digitalisiert worden. Inzwischen zählt die Edison-Zylinder-Sammlung des Berliner Phonogramm-Archivs zum Unesco-Weltkulturerbe.
Auf jeder Walze sind zwei bis 4 Minuten Musik- oder Sprachaufnahmen, zum Teil einzigartige Dokumente fremder Kulturen, die Forscher, Ärzte, Ethnologen oder auch Missionare von ihren Reisen mitbrachten. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Susanne Ziegler hat mehr als ein Jahrzehnt ihres Lebens den Wachswalzen gewidmet. Jetzt hofft sie, im Rahmen des bundesweiten Programms zur Konservierung und Restaurierung von gefährdetem mobilem Kulturgut, kurz KUR, auch den Rest des Wachswalzenbestandes sichern zu können.
"Wir haben 16.5000 Originale - davon ist also die Hälfte schon übertragen - aber es gibt viele Originale, die zum Beispiel mit Schimmel überzogen sind, da sollen im Rahmen des Ilkar-Projektes Chemiker sich dransetzen und sehen, ob man da vielleicht was machen kann."
Ilkar-Projekt - das ist die Zauberformel für die Mitarbeiter des Phonogramm-Archivs. Die fünf Buchstaben stehen für Integrierte Lösung zur Konservierung und Archivierung und Restaurierung. Bei "Ilkar" also - geht es allerdings nur am Rande um Wachswalzen, wie Lars-Christian Koch, Abteilungsleiter des Berliner Phonogramm-Archivs erläutert.
"Ein Schwerpunkt dabei gilt unseren Medien die nach 1950 aufgenommen wurden, die Tonbänder, die einem ständigen Verfallsprozess unterliegen. Denn wir gehen im Moment davon aus, dass innerhalb der nächsten 10 - 20 Jahre diese Bestände sich wirklich aufgelöst haben."
"Diese Bestände" - das sind rund 10.000 Stunden Tonbandmaterial. Aufgenommen in allen Teilen der Welt: Initiationslieder aus Neu Guinea von 1958. Japanisches Musikstück aus dem Jahr 1964, oder aber Schamanengesänge aus Bolivien in den 70er-Jahren.
Unikate, die Forschern Einblicke ermöglichen, wie sich in bestimmten Regionen das musikalische Repertoire im Laufe der Zeit verändert hat. Hier finden sich Zeugnisse von längst ausgestorbenen Sprachen, besonders häufig jene aus schriftlosen Kulturen.
All diese Bänder müssen chemisch analysiert werden, um dann zu entscheiden, wie sie konserviert und digitalisiert werden können. Für jede Stunde Material rechnen die Archivmitarbeiter mit drei Stunden Arbeitszeit. Das Hauptproblem: Es gibt zwischen 30 und 50 unterschiedliche Tonbandsorten.
"Da gibt's Bänder, die sind mit halbprofessionellen Geräten aufgenommen worden, dann Tonbänder wo der erste Teil mit bestimmter Geschwindigkeit ... dann läuft es schneller. Deswegen haben wir ein Problem was das Digitalisieren von vorn bis hinten anbelangt. Das heißt, wir können nicht ein Tonband auflegen, gehen Kaffee trinken, lassen es von vorn bis hinten durchlaufen und nach einer halben Stunde kommen wir und das Ding ist fertig."
So verschieden die Bandsorten - so unterschiedlich die Bandqualitäten: Bei manchen Bändern löst sich die Magnetschicht von der Trägerschicht. Bei anderen zerstört Feuchtigkeit das Material, Acetatbänder wiederum lösen sich durch das Essigsyndrom auf. Einheitliche Rettungsansätze sind bei diesen extrem unterschiedlichen Verfallssymptomen kaum möglich. Und so richtet sich die Reihenfolge der zu rettenden Bänder nicht nach inhaltlichen Aspekten - sondern eher nach Bandchargen. Ein weiteres Problem ist die teils fehlende Dokumentation der Bänder. Auch diese Lücke soll im Rahmen des Ilkar-Projektes geschlossen werden - durch eigene Quellenrecherche, Aktenstudien und Austausch mit Kollegen aus den Aufnahme-Regionen. Hat man auch das gelöst, bleibt ein letztes, aber entscheidendes Problem: die Langzeitarchivierung:
"Ich mülle meine Festplatten zu und wenn die voll sind, lagere ich den ganzen Kram auf DVDs aus - weiß aber, dass die DVDs in drei Jahren auch nicht mehr abspielbar sind. Das heißt, da haben wir noch eine Zeitbombe - da muss dringend eine Lösung her - wir müssen uns was überlegen was die Langzeitarchivierung der digitalen Daten betrifft."
Arno Widmann und seine Kollegen vom Phonogramm-Archiv hoffen auf den Anschluss ihrer Daten an einen Massenspeicher mit Datenbankanwendung. Denn ohne eine solche Langzeitarchivierung macht das ganze Ilkar-Projekt - im Rahmen des KUR-Programms - keinen Sinn. Und bleiben die faszinierenden Zeugnisse von 100 Jahren Musik- und Sprachkultur weiterhin gefährdet.
Letzte Änderung: 29.11.2011 15:43 Uhr
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