Die ehemalige ukrainische Regierungschefin Julia Timoschenko (Bild: picture alliance / dpa / Sergey Dolzhenko)
Wenige Wochen vor dem ersten EM-Spiel geht die Debatte in Deutschland über einen möglichen politischen Boykott der Spiele in der Ukraine weiter. Hintergrund sind die umstrittenen Haftbedingungen für die erkrankte ukrainische Ex-Ministerpräsidentin Timoschenko - der es nach Angaben ihrer Tochter immer schlechter geht.
Der richtige Umgang mit den EM-Spielen in der Ukraine beschäftigt weiter die deutsche Politik, während sich der Gesundheitszustand der inhaftierten ukrainischen Oppositionsführerin Julia Timoschenko inzwischen offenbar verschlechtert hat. Nach Angaben ihrer Tochter leidet die 51-Jährige unter starken Schmerzen. Sie könne sich kaum noch bewegen, auch weil sie vom Hungerstreik geschwächt sei. Die Zeit werde knapp. Jewgenija Timoschenko sagte, dass sie wegen der Mai-Feiertage nicht zur ihrer Mutter vorgelassen werde: "Wir wissen nicht, was mit ihr in dieser Zeit alles geschieht." Wenn Präsident Janukowitsch schon mit einer Ex-Regierungschefin so umgehe, drohe jedem in der Ukraine ein solches Schicksal, warnte sie.
Die Behörden hatten Vorwürfe zurückgewiesen, dass Timoschenko ihre blauen Flecken am Bauch und am Arm durch Misshandlungen von Wärtern in dem Straflager erhalten habe. Die Staatsanwaltschaft teilte mit, dass die Blutergüsse nicht, wie von Timoschenko angegeben, von einem gewaltsamen Transport am 20. April in ein Krankenhaus stammten - sie seien erst später durch einen stumpfen Gegenstand entstanden. Die an Bandscheibenproblemen leidende Timoschenko verbüßt eine siebenjährige Haftstrafe wegen Amtsmissbrauchs. Die EU hält die Haft für politisch motiviert. Die Ex-Regierungschefin protestiert seit Tagen mit einem Hungerstreik gegen ihre Haftbedingungen.
US-Außenministerin Hillary Clinton hat sich tief besorgt über die Haftbedingungen für die erkrankte Timoschenko geäußert. "Die ukrainische Führung muss sicherstellen, dass Frau Timoschenko sofort medizinische Hilfe in einem geeigneten Rahmen erhält und der US-Botschafter sie besuchen darf", sagte Clinton am Dienstag. Das USA-Außenministerium bekräftigte zudem seine Forderung nach Freilassung der früheren Ministerpräsidentin und anderer inhaftierter Minister ihrer Regierung.
Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch beklagt die Zustände in seinem Land. Im Deutschlandfunk sagte er, er verstehe nicht, dass die Europäer zu einem Fußballfest in ein Land reisen, in dem Häftlinge gefoltert werden.
Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) unterstützt die Drohung eines politischen Boykotts der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine. Es sei gut, der Ukraine aufzuzeigen, was schlimmstenfalls passieren kann", sagte Niebel der "Rheinischen Post". Die Ukraine solle "die Zeit und die Chance nutzen, zu den selbstgewählten Standards von Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit und damit auf den Weg nach Europa zurückzukehren".
Politiker mehrerer Parteien sprachen sich unterdessen für eine Verlegung der in der Ukraine geplanten EM-Spiele aus. Die menschenrechtspolitische Sprecherin der Unions-Bundestagsfraktion, Erika Steinbach (CDU), sagte in der Feiertagsausgabe der "Bild am Sonntag", eine Verlegung nach Polen, Österreich oder Deutschland "wäre das richtige politische Signal an die undemokratische Regierung in Kiew". Die SPD-Bundestagsabgeordnete Gabriele Fograscher, Mitglied im Sportausschuss, drängt den europäischen Fußballverband Uefa zu einer Verlegung und schlug Deutschland als Austragungsort vor. Der Vorsitzende des Bundestagswirtschaftsausschusses, Ernst Hinsken (CSU), fordert die Uefa auf, zu prüfen, ob Polen die EM auch allein ausrichten könne. Wenn nicht, müsse Deutschland als zweiter Austragungsort geprüft werden. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach schloss eine kurzfristige Verlegung von Spielen aus der Ukraine nach Deutschland allerdings kategorisch aus. Der "Bild" sagte er, die Menschen in der Ukraine hätten die EM verdient.
Die ukrainische Führung beklagte im Fall Timoschenko Einmischungen aus dem Ausland. Angesichts der lauter werdender Forderungen nach einem politischen Boykott der Fußball-Europameisterschaft in dem Land warnte die Führung in Kiew vor "Methoden wie im Kalten Krieg" und davor, den Sport zu einer Geisel der Politik zu machen.
Zuvor hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärt, sie mache einen Besuch bei der Fußball-EM von der politischen Entwicklung in der Ukraine abhängig. In Brüssel teilte EU-Kommissionspräsident Manuel José Barroso mit, er werde nicht zu Spielen in die Ukraine reisen.
Letzte Änderung: 07.11.2012 03:44 Uhr
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