Vor dem Fußballklassiker Deutschland gegen die Niederlande hat Bundestrainer Joachim Löw hat die Einstellung einiger Spieler in einer Wutrede beim Abschlusstraining stark kritisiert. Die gezeigte Leistung gegen Portugal (1:0) sei alles andere als europameisterlich. Anpfiff des Spiels in der ukrainischen Stadt Charkiw ist um 20:45 Uhr.
Entscheiden über Sieg oder Niederlage wird die Kondition: Zum Anpfiff (auch im Radio) wurden schwüle Temperaturen um die 30 Grad erwartet. Den Spielern der Fußball-Nationalmannschaft werde beim EM-Spiel gegen die Niederlande in der ukrainischen Stadt Charkiw körperlich alles abverlangt, meint Bundestrainer Joachim Löw. "Vielleicht wird es auch eine Hitzeschlacht, wir müssen an die Schmerzgrenze gehen."
Löw sorgt sich aber nicht nur um die Kondition. Die Einstellung einiger Spieler, die Mannschaftsleistung beim glanzlosen 1:0-Sieg gegen Portugal machen den 52-Jährigen wütend: "80 Prozent reichen nicht", raunzte der Bundestrainer seine Spieler beim Abschlusstraining an. "So geht das nicht. Wenn Ihr morgen wieder nur 80 Prozent gebt, kriegen wir Probleme. Ihr müsst spielen wie in Hamburg!"
Hamburg ist sieben Monate her. Im Vergleich zu damals wirkt die deutsche Elf heute wie ausgewechselt. Sie fegten die Niederländer im vergangenen November mit 3:0 vom Platz. Gegen die laut Löw "Weltklasse-Offensive" in Orange läuft die Siegerelf des Portugal-Spiels auf. Mario Gomez, der beim 1:0 gegen Portugal das entscheidende Tor erzielt hatte, erhält im Angriff erneut den Vorzug gegenüber Miroslav Klose. Mit einem weiteren Sieg würde die deutsche Elf dem Viertelfinale einen Schritt näher kommen. "Ich bin überzeugt, dass wir es schaffen können", sagte Spielmacher Bastian Schweinsteiger.
Die deutsche Aufstellung: Neuer - Boateng, Hummels, Badstuber, Lahm - Khedira, Schweinsteiger - Müller, Özil, Podolski - Gomez
Auch für Franz Beckenbauer muss sich das Team noch steigern. "Wenn das Team den Rhythmus findet und sich stabilisiert, wird es sein Ziel erreichen und ins Finale einziehen", sagte Beckenbauer dem Sender Sky Sport News. Für Löws Vorgänger Jürgen Klinsmann ist dagegen die deutsche Elf reif für den EM-Titel. "Das Potenzial, die spielerische Klasse" spreche für das Team, sagte Klinsmann der "Sport Bild". "Das Wichtigste ist nun, diesen Hunger auf Erfolg zu entwickeln, hartnäckig zu sein. Man braucht ein Stück Leidensfähigkeit."
Das Stimmungsspiel der Fans haben die Niederländer für sich entschieden. Tausende tauchten Charkiw in "Oranje". Ein Fan in schwarz-rot-gold sagte: "Das ist wie ein Auswärtsspiel". Boris Becker schrieb im Kurznachrichtendienst Twitter: "Heute Abend ist Familienkrieg! Deutschland gegen Holland .... Bitte Jogi, nominiere die RICHTIGEN Spieler! Wir dürfen heute NICHT verlieren...." Beckers Ehefrau Sharlely wurde in Rotterdam geboren.
Während tausende Niederländer ein Wohnwagendorf aufbauten, reisten viele deutsche Fans erst kurzfristig an. Ein Anhänger der deutschen Elf begründete das mit der "Panikmache über die Städte in der Ukraine", gerade im Kontext der in Charkiw inhaftierten Oppositionsführerin Julia Timoschenko. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) mahnte deutsche Fans, Timoschenkos Schicksal nicht zu vergessen.
Ukraines Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko verbüßt in Charkiw eine Haftstrafe (Bild: picture alliance / dpa / Sergey Dolzhenko)
Unter den Last-Minute-Anreisenden war auch eine Gruppe der Grünen. Sie wollte Timoschenko während des Spiels im Gefängnis besuchen. Auf halber Strecke kehrte die Lufthansa-Maschine von Frankfurt nach Kiew um; sie sei "angeblich auf halber Strecke vom Blitz getroffen" worden, sagte der Grünen-Europaparlamentarier Werner Schulz. "Da stellt sich mir die Frage, warum wir die halbe Strecke wieder zurückgeflogen sind, statt die zweite Hälfte zu absolvieren. Das wäre doch genauso weit gewesen." Andere EU-Abgeordneter aus beiden Ländern guckten das Spiel demonstrativ gemeinsam.
Die Stimmung in der Stadt war von Krawallen wie am Vorabend in Warschau rund um das Spiel zwischen Polen und Russland (1:1) weit entfernt: Dort nahm die Polizei nach eigenen Angaben 184 Hooligans fest - 180 Menschen wurden verletzt. Polens Innenminister Jacek Cichocki sprach vom "bislang größten Sicherheitsproblem" bei der Europameisterschaft.
Auch die deutsch-niederländischen Beziehungen bergen Brisanz. Bei vielen Niederländern ist die Erinnerung an die Besatzung der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg präsent. Bundespräsident Joachim Gauck hatte kürzlich an dieses Kapitel der Geschichte erinnert. Heute, bei Temperaturen über 30 Grad, teilen sich die Fans beider Nationen in der Ukraine zumindest die Sonnenmilch.
Programmhinweise:
- Ex-Nationalspieler Thomas Hitzelsperger morgen gegen 8:40 Uhr im Interview auf Deutschlandradio Kultur.
- In unserem Livestream können Sie das Spiel Deutschland gegen die Niederlande ab 20:40 Uhr mitverfolgen. Weitere Informationen auf dem Portal UEFA EM 2012.
Letzte Änderung: 21.12.2012 03:45 Uhr
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