Nach Einschätzung der UNO-Beobachter in Syrien galt der Angriff auf die Ortschaft Tremseh offenbar in erster Linie "Aktivisten und bewaffneten Deserteuren". Bundesaußenminister Guido Westerwelle hat das Assad-Regime für die Gewalt verantwortlich gemacht. Die syrische Regierung bestreitet den Einsatz schwerer Waffen.
"Das Assad-Regime setzt schwere Waffen wie Hubschrauber, Geschütze und Panzer für grausame Gewalt, für einen regelrechten Krieg gegen das eigene Volk ein. Das ist unsere klare Erkenntnis aus den Berichten über die Geschehnisse von Tremseh", sagte Bundesaußenminister Guido Westerwelle der "Bild am Sonntag". Bei dem mutmaßlichen Massaker im zentralsyrischen Dorf Tremseh starben nach Angaben von Aktivisten mindestens 115 Menschen.
Gestern hatten die UNO-Beobachter in Syrien bekannt gegeben, dass der Angriff in Tremseh offenbar in erster Linie Aufständischen und Regierungsgegnern galt. Es seien allem Anschein nach vor allem Häuser von "Aktivisten und bewaffneten Deserteuren" attackiert worden, erklärte die Sprecherin der Beobachtermission, Sausan Ghosheh, nach einem Besuch in der Ortschaft.
"Es gab Blutlachen und Blutflecken in den Räumen mehrerer Häuser sowie Patronenhülsen", erklärte Ghosheh weiter. Viele der Häuser seien zerstört und teilweise abgebrannt worden. Bei der Untersuchung vor Ort seien Artilleriegeschosse und Granaten gefunden worden, über die nur die Streitkräfte von Präsident Baschar al-Assad verfügen.
Doch die Regierung in Damaskus bestreitet den Einsatz schwerer Waffen: Die Armee habe keine Panzer, Flugzeuge, Helikopter oder Artillerie in Tremseh eingesetzt, erklärte der Sprecher des Außenministeriums, Dschihad Makdissi, bei einer Pressekonferenz. Es seien ausschließlich Truppentransporter und leichte Waffen wie Panzerabwehrraketen benutzt worden.
Die gegenteilige Behauptung des internationalen Sondergesandten Kofi Annan sei "sehr übereilt" gewesen und entspreche nicht den Fakten, sagte der Sprecher. Annan hatte in einem Brief an den UN-Sicherheitsrat nach der Stürmung der Kleinstadt in der Provinz Hama durch die syrische Armee am Donnerstag den Einsatz von "Artillerie, Panzern und Helikoptern" kritisiert.
In Tremseh habe kein Massaker stattgefunden, sondern es habe Gefechte mit bewaffneten Gruppen gegeben, die in dem Dorf Kommandozentralen eingerichtet und die Bewohner terrorisiert und gefoltert hätten, erklärte Makdissi. Dabei seien 37 Bewaffnete und zwei Zivilisten umgekommen. Die UNO hatte keine Zahl von Toten genannt. Oppositionelle zählten bis zu 200 Leichen, darunter Dutzende in umliegenden Ortschaften oder bis zur Unkenntlichkeit verbrannte. Sie befürchteten, dass die Zahl der Opfer noch steigen könnte, da Hunderte Menschen noch als vermisst galten. Einwohner vermuteten weitere Leichen auf den Feldern oder im Fluss Orontes, der durch das Gebiet fließt.
UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte unterdessen China dazu auf, bei der Lösung des Syrienkonflikts eine aktive Rolle zu spielen. Bei einem Telefongespräch mit Chinas Außenminister Yang Jiechi habe Ban darauf gedrungen, dass China "seinen Einfluss" nutzen müsse, um eine "vollständige und sofortige Umsetzung" des Sechs-Punkte-Plans des Syrien-Sondergesandten Kofi Annan und der Beschlüsse der Syrien-Aktionsgruppe sicherzustellen, sagte ein UNO-Sprecher. Ban hatte zuvor gewarnt, sollte der UNO-Sicherheitsrat den Druck auf die Führung in Damaskus nicht erhöhen, wäre dies eine "Lizenz für weitere Massaker".
China hat gemeinsam mit Russland bisher zwei Resolutionen des UNO-Sicherheitsrats blockiert, mit denen der Westen den Druck auf Syriens Staatschef Assad erhöhen wollte. Seit Kurzem wird in New York über einen neuen Resolutionsentwurf verhandelt. Ban reist in den kommenden Tagen zu politischen Gesprächen nach China. Der UNO-Sondergesandte für Syrien, Kofi Annan, wird am Montag in Moskau erwartet.
In Syrien tobt seit März 2011 ein Volksaufstand gegen die Herrschaft von Präsident Assad. Nach Angaben der in London beheimateten, oppositionellen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden seitdem mehr als 17.000 Menschen getötet, darunter etwa 12.000 Zivilisten. Die Führung in Damaskus spricht dagegen von einem Kampf gegen Terroristen, die Tausende Soldaten und Polizisten getötet haben sollen.
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Letzte Änderung: 18.07.2012 09:59 Uhr
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