Ärzte an der Göttinger Uniklinik sollen Akten gefälscht haben, damit Patienten schneller ein Spenderorgan bekamen. Nun wird der Ruf nach harten Strafen und strengeren Kontrollen laut.
Handelt es sich nur um einen Einzelfall oder müssen schärfere Kontrollmechanismen her? Zwischen diesen beiden Positionen bewegen sich nach dem Skandal in Göttingen die Reaktionen. An der dortigen Klinik steht ein Arzt unter Verdacht, im großen Stil Akten gefälscht und die eigenen Patienten beim Empfang von Spenderlebern bevorzugt zu haben.
Der Chef der Ständigen Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer, Hans Lilie, hat sich als Reaktion darauf für schärfere Kontrollen ausgesprochen. Sinnvoll sei es, dass ein nicht beteiligter Arzt die Richtigkeit der Daten bestätigt, sagte Lilie im Deutschlandfunk. Dies könne etwa durch einen Labormediziner geschehen.
Das Mitglied im Deutschen Ethikrat, Eckard Nagel von der Universität Essen, bezeichnet den Vorfall als Super-GAU der Transplantationsmedizin. Im Deutschlandradio Kultur sagte er, ein einzelner Arzt oder eine einzelne Abteilung habe sich messen lassen wollen an den erbrachten Leistungen, denn in einem stark ökonomisierten Gesundheitssystem würden diese Leistungen bewertet. Er forderte weniger Transplantationszentren, die besser kontrollierbar sind, und ein Vier-Augen-Prinzip bei der Bewertung der Daten. Dennoch sei er überzeugt, dass es sich um einen absoluten Einzelfall handele.
Jens Spahn, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag (Bild: picture alliance / dpa)
CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn forderte drastische Strafen, sollte sich der Manipulationsverdacht bestätigen. "Wir erwarten von der Ärztekammer und auch der Deutschen Stiftung Organspende, dass sie jetzt konsequent aufklären und bestrafen. Da müssen dann halt auch mal Approbationen entzogen werden", sagte Spahn den "Ruhr Nachrichten".
Insgesamt verteidigte Spahn das deutsche System der Organspende jedoch. Die Die Spenderorgane würden nach nachvollziehbaren und transparenten Kriterien auf die Wartenden verteilt, Abläufe und Operationen verliefen hochprofessionell, so Spahn.
Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) hat unterdessen dazu aufgerufen, sich in Sachen Organspenden nicht von den Skandal-Vorwürfen an der Uniklinik in Göttingen abschrecken zu lassen. "Ich appelliere an die Bürger, aus den Vorwürfen keine voreiligen Schlüsse zu ziehen", sagte er der "Welt am Sonntag". Organspenden seien lebensrettend. Für den Fall, dass sich die Vorwürfe bestätigen, verlangte Bahr nicht nur Konsequenzen für Verantwortliche, sondern auch bessere Verfahrensregeln.
Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sprach sich ebenfalls für eine Sanktionierung der Mediziner aus. "Wenn die Vorwürfe zutreffen, dann müssen die Gerichte die Verantwortlichen sehr hart und abschreckend bestrafen", sagte den Zeitungen der WAZ-Gruppe. Er sprach allerdings von einem "krassen Einzelfall". Weder die Ärztekammer noch die Göttinger Uniklinik hätten versagt.
Ein ehemaliger Oberarzt soll Akten gefälscht und die eigenen Patienten beim Empfang von Spenderlebern bevorzugt haben. Der 45-Jährige soll in mindestens 25 Fällen Daten manipuliert haben. Der Krankheitszustand seiner Patienten soll dabei kritischer dargestellt worden sein, um die Chancen auf Spenderorgane zu verbessern. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt nun wegen Bestechlichkeit. Einem Krankenhaussprecher zufolge bestreitet der ehemalige Oberarzt alle Vorwürfe.
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Letzte Änderung: 08.08.2012 08:00 Uhr
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