Einen besseren Schulabschluss zu erreichen als die Eltern, das ist für Jugendliche in Deutschland laut einer OECD-Studie schwieriger als in vielen anderen Ländern. Das Bundesbildungsministerium weist die Interpretation der Studienergebnisse zurück.
Nach dem heute in Berlin vorgestellten Bildungsbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist jeder fünfte der 25- bis 34-Jährigen in Deutschland formal besser gebildet als seine Eltern. Im OECD-Schnitt ist es mehr als jeder Dritte. Unter die Lupe genommen hat der Bericht die 34 Länder, die zur OECD gehören. Deutlich mehr deutsche Jugendliche haben außerdem einen schlechteren Bildungsabschluss als ihre Eltern. Sind es international durchschnittlich 13 Prozent, so sind hierzulande 22 Prozent der Jugendlichen schlechter ausgebildet als ihre Eltern.
Was genau heißt schlechter? Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) griff die OECD scharf an. Kinder von Akademikereltern, die nicht studierten, sondern eine Ausbildung machten, würden "in die Kategorie Abstiegsmobilität" gesteckt; dies sei "abwegig", sagte Schavan im Bundestag.
"Wenn der Vater Professor und der Sohn Optiker ist, ist das kein Abstieg." Im Gegenteil: Immer mehr Länder interessierten sich für diese duale Berufsausbildung. Diese sei "der bildungspolitische Anker in der Krise". Anders als in anderen EU-Staaten sei die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland im Juni auf 7,9 Prozent zurückgegangen. Schavans Staatssekretärin Cornelia Quennet-Thielen sagte, das duale Ausbildungssystem in Deutschland stehe Studiengängen in anderen Ländern in nichts nach. In Großbritannien könne man sogar ein Friseurstudium absolvieren.
Aber es gab auch Lob für Deutschland: In wirtschaftlichen Krisenzeiten war die Bundesrepublik das einzige Land, in dem die Erwerbslosenzahlen zwischen 2008 und 2010 quer durch alle Bildungsgruppen abnahmen. Das gilt auch für die Jugendarbeitslosigkeit: 2010 lag der Anteil der 15- bis 29-Jährigen, die weder in Beschäftigung noch in schulischer oder beruflicher Ausbildung waren, bei zwölf Prozent. Der OECD-Durchschnitt war 15,8 Prozent.
"Bildung, Beschäftigung und Wohlstand sind eng miteinander verknüpft", erklärte die Leiterin des OECD-Bildungsdirektorats, Barbara Ischinger, bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Um den Wohlstand zu steigern und soziale Ungleichheit zu bekämpfen, müsse die Bildung verbessert werden. Die Bildungsschichten müssten dafür durchlässiger werden. "In Deutschland hingegen ist die Bildungsmobilität eher gering", heißt es in dem OECD-Bericht.
Opposition und Gewerkschaften griffen die Bundesregierung an. Deutschland sei noch immer kein "Bildungsaufsteigerland", erklärte der Grünen-Abgeordnete Kai Gehring. Aufstieg durch Bildung müsse alltäglich und das Bildungssystem durchlässiger werden. Die OECD-Studie belege einmal mehr, "dass in Deutschland die Chance auf Bildung stark von der sozialen Herkunft abhängt", erklärte die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen (SPD). Bildungserfolg dürfe aber weder vom Geldbeutel noch vom Bildungshintergrund der Eltern abhängen.
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) nannte das Ergebnis der OECD-Studie ein "Armutszeugnis für die Bildungspolitik in Deutschland". Der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne kritisierte, dass sich "die Schere zwischen höher und schlechter qualifizierten Menschen immer weiter" öffne.
Letzte Änderung: 16.09.2012 23:21 Uhr
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