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AKTUELL VOM 17.09.2012
Ausbildung zur Erzieherin für einige Arbeitslose eine große Chance. (Bild: AP) Ausbildung zur Erzieherin für einige Arbeitslose eine große Chance. (Bild: AP)

Rettungsanker Erzieherausbildung

Was der Fachkräftemangel an Kitas für Arbeitslose bedeutet

Von Angke Petermann

Vom kommenden Jahr an, wenn der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für Kinder ab einem Jahr gilt, könnten republikweit zwischen 15.000 und 25.000 Erzieher fehlen. Arbeitslose und Quereinsteiger erblicken neue Chancen auf einen festen, zukunftssicheren Job.

Die 50 Interessenten in dem überfüllten Klassenraum hocken teils auf Fensterbänken, teils stehen sie. Draußen prasselt der Regen, drinnen summt der Tageslichtprojektor. Michael Baumeister, Abteilungsleiter Sozialpädagogik an den Beruflichen Schulen Berta Jourdan in Frankfurt am Main, erklärt die vier unterschiedlich langen Ausbildungsgänge der Fachschule samt Aufnahmebedingungen. Die unterbezahlte junge Sozialassistentin und die langzeitarbeitslose Akademikerin über 50 lauschen aufmerksam, viele Fragen stellen der Ingenieur und die berufstätige Mutter, die endlich familienverträgliche Arbeitszeiten will. Arbeitsagentur und Jobcenter vergeben Bildungsgutscheine für die Umschulung zur Erzieherin, erzählt Michael Baumeister, das heißt mit Blick aufs Arbeitslosengeld, kurz ALG:

"Jeder von Ihnen kann bei uns anfangen, ob er ALG I oder ALG II hat, das ist für uns ganz egal. - Wie lange muss man das haben? - Das ist egal. Die Agentur, das Jobcenter muss Ihnen das genehmigen. Die Form der Genehmigung ist ein Bildungsgutschein. Sie würden dann nämlich Ihr ALG I oder ALG II über die zwei Jahre der Ausbildung bekommen. - Den bekommt man aber nur, wenn man arbeitslos ist? - Den bekommt man nur wenn man arbeitslos und nicht mehr vermittelbar in seinem Beruf."

Zum Beispiel, weil man ihn sieben Jahre nicht mehr ausgeübt hat.

"Ich möchte sie dringend darauf hinweisen, dass Sie sich durch ein erstes Nein um Gottes willen nicht verunsichern lassen. Sondern dass Sie nachhaken, wieder auftauchen, nach dem Vorgesetzten fragen und, und, und ..."

In einigen Gesichtern blitzt Entschlossenheit auf. Chantal nimmt sich vor, sich nicht abwimmeln zu lassen:

Ich werde ab morgen da anrufen und fragen, wie das aussieht, denn es ist anscheinend ein langer Kampf, ne."

Chantal ist gelernte Bürokauffrau. Aber nach der Familienphase rechnet sie sich da keine Chancen mehr aus. Als Erzieherin später in ihrem Heimatland Kamerun zu helfen - die Perspektive beflügelt sie zusätzlich. Sie ist die einzige, die ihren echten Vornamen preisgibt. Laura, nennen wir sie so, arbeitet schon in einer Kita und will trotzdem noch mal in die Ausbildung:

"Weil ich nur sozialpädagogische Helferin bin. Ich arbeite ja das gleiche wie meine Arbeitskolleginnen, die Erzieherinnen und Sozialpädagogen sind, und ich bin im Vergleich zu denen deutlich schlechter in der Bezahlung."

Mit Kunststudium und Zusatzausbildung zur Bewegungstherapeutin hat Eva nie einen festen Job bekommen. Erzieherin werden mit 50 plus - für sie so etwas wie der letzte Rettungsanker. Die Informationsveranstaltung der Frankfurter Fachschule besucht sie:

"Weil ich seit Jahren verzweifelt auf dem Arbeitsmarkt eine Stelle suche, in der ich meine Fähigkeiten einbringen kann. Ich hab' drei Kinder allein großgezogen"

Und Hartz IV als Drehtür erlebt. Existenzängste und große Hoffnungen ballen sich an diesem Nachmittag in dem kleinen Klassenraum an der großen Frankfurter Erzieherinnen-Fachschule. Ihre Kapazitäten hat sie innerhalb von zwei Jahren auf 900 Studierende verdoppelt. Dennoch kann sie nicht alle Interessenten aufnehmen - aus Kapazitätsgründen oder weil die Deutschkenntnisse nicht ausreichen. Abteilungsleiter Michael Baumeister.

"Viele sehen in der Möglichkeit, jetzt hier die ErzieherInnen-Ausbildung zu machen überhaupt die letzte Möglichkeit, überhaupt noch mal in eine Ausbildungssituation zu kommen und ein anderes Arbeitsverhältnis als ein prekäres zu bekommen. Das erlebe ich in jeder Sprechstunde. Das macht auch ein bisschen Druck auf uns, denn wir werden ja auch so ein bisschen angesehen als die letzte Brücke in ein nicht prekäres Arbeitsverhältnis, müssen uns aber an die Vorgaben halten und erleben dort auch so manche Härte. Wir versuchen dann aber in der Form zu beraten, dass die Mindestbedingungen ja auf anderen Wegen wie Abendschulen noch zu erfüllen sind, schicken sie aber letztendlich in Schleifen von ein oder zwei Jahren, bis sie dann wieder bei uns stehen."

Dann zum Beispiel mit der mittleren Reife, als unumstößlicher Aufnahmebedingung. Tausende von ErzieherInnen sucht Frankfurt am Main in den kommenden Jahren, mit zweieinhalbtausend Euro zahlt die Stadt Einsteigern ein übertarifliches Monatsgehalt. 300 ErzieherInnen bilden die Beruflichen Schulen Berta Jourdan jährlich aus, etwa 50 weitere schaffen zwei private Schulen in der Bankenstadt. Wer es schafft, aufgenommen zu werden, durchzukommen und fertig zu werden, hat eine Jobgarantie vermutlich für die kommenden zehn Jahre. Aber: trotz Fachkräftemangels geben die Schulen keinen Rabatt auf die Ausbildungsanforderungen. Am Ende steht für alle die gleiche Prüfung in Methodik und Theorie. Und der Abschluss als "staatlich anerkannten Erzieherin" - nur damit kann man in einer hessischen Kita auf einen Dauerjob bauen.


Letzte Änderung: 27.03.2013 03:45 Uhr

 

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