Bundespräsident Gauck will den Familien der NSU-Opfer seine Solidarität zeigen (Bild: picture alliance / dpa / Jens Büttner)
Jahrelang mussten sich die Angehörigen der Opfer des NSU-Terrors Verdächtigungen von Ermittlern gefallen lassen. Diese Fehler dürften heute bei Bundespräsident Gauck wieder zu Sprache kommen. Er empfängt seit 12 Uhr die Familien der Opfer. Mehrere Angehörige schlugen die Einladung allerdings aus.
Nachdem Bundespräsident Joachim Gauck den Wunsch der Türkischen Gemeinde in Deutschland nach einem solchen Treffen anlässlich des Jahrestags der NSU-Morde im vergangenen November noch abgelehnt hatte, gibt es jetzt ein Treffen mit den Familien der Opfer des Neonazi-Terros. In vertraulichen Gesprächen im Schloss Bellevue will Gauck den Angehörigen seine Unterstützung und Solidarität zeigen. Rund 70 Menschen kämen zusammen, berichtet Deutschlandradio-Korrespondentin Katharina Hamberger. Rund zwei Stunden lang wollen sie mit dem Staatsoberhaupt sprechen.
Allerdings ist nicht jeder Betroffene bereit zu diesem Treffen. Wie der MDR berichtet, haben weitere Angehörige die Einladung ausgeschlagen. Der Münchner Anwalt Yavuz Narin teilte demnach mit, dass seine Mandantinnen nicht nach Berlin reisen würden In Anwesenheit von mehreren Dutzend Hinterbliebenen habe man keinerlei Möglichkeit, sich mit dem Bundespräsidenten detailliert auszutauschen, hieß es zur Begründung.
Am Wochenende hatte bereits die Schwester des in Hamburg ermordeten Süleymann Tasköprü die Einladung ins Schloss Bellevue abgelehnt. In einem Brief an Gauck, aus dem Medien zitieren, schreibt sie, sie fühle sich dem Besuch beim Bundespräsidenten alleine nicht gewachsen. Deshalb habe sie sich von ihrer Anwältin begleiten lassen wollen. Dies jedoch lehnte das Bundespräsidialamt mit Hinweis auf die begrenzte Zahl von Teilnehmern und auf die geplante vertrauliche Atmosphäre des Gesprächs ab.
Tasköprüs Schwester schrieb weiter an Gauck, Betroffenheit helfe ihr nicht. "Alles was ich noch möchte, sind Antworten. Wer sind die Leute hinter der NSU? Warum ausgerechnet mein Bruder? Was hatte der deutsche Staat damit zu tun? Wer hat die Akten vernichtet und warum?" Die 38-Jährige weiter: "Was wollen Sie an unserem Leid ändern? Glauben Sie, es hilft mir, wenn Sie betroffen sind?"
Barbara John (CDU), Ombudsfrau der Bundesregierung für die Hinterbliebenen der NSU-Opfer (Bild: picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)
Die Ombudsfrau der Bundesregierung für die Hinterbliebenen der NSU-Opfer, Barbara John, zeigt Verständnis für die harte Kritik der Angehörigen an den Ermittlungsbehörden. "Die Hinterbliebenen haben jedes Recht, die von Fehlern strotzende Arbeit der Ermittler zu kritisieren und die politische Elite um Antworten zu bitten", sagte John den Dortmunder "Ruhr Nachrichten". John, die die Ermittlungen im Deutschlandradio Kultur früher schon scharf kritisiert hat, nimmt ebenfalls an dem Treffen teil.
Die Bundesbeauftragte erinnerte daran, dass die Familien der Mordopfer zum Teil mehr als ein Jahrzehnt lang nicht als die unschuldig Geschädigten angesehen worden seien. "Man hat sie verdächtigt, selbst in diese Morde verwickelt zu sein. Vorhandene Spuren ins rechtsradikale Milieu wurden nicht ernsthaft verfolgt, stattdessen mussten sich die Angehörigen der Opfer rechtfertigen", sagte sie. Kanzlerin Angela Merkel habe bei der offiziellen Gedenkfeier vor knapp einem Jahr noch rückhaltlose Aufklärung zugesagt, so John weiter: "Jetzt müssen die Angehörigen der Opfer erleben, wie die Sicherheitsbehörden mauern und versuchen, von ihrem eigenen Versagen abzulenken". Merkel will im April oder Mai mit den Familienangehörigen zusammentreffen.
Die Kritik bekräftigte auch der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat. Im RBB warf er Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) vor, Informationen zurückzuhalten: "Es wird praktisch einiges vertuscht, Akten werden geschreddert. Das kann man nicht so hinnehmen", sagte Kolat: "Ich erwarte, dass die Bundeskanzlerin eine Sitzung des Bundeskabinetts einberuft, auf der ausschließlich dieses Thema behandelt wird."
Dem Neonazi-Trio werden zehn Morde zwischen den Jahren 2000 und 2007 zugerechnet - an neun türkisch- oder griechischstämmigen Kleinunternehmern sowie an einer Polizistin. Jahrelang war der rechtsterroristische Hintergrund der Morde nicht erkannt worden. Stattdessen war im Umfeld der Opfer nach den Tätern gesucht worden.
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Letzte Änderung: 23.02.2013 14:06 Uhr
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