Gulasch, Ravioli, Lasagne: Pferdefleisch ist wohl in wesentlich mehr Fertigprodukte gelangt als bekannt. In einem neuen Fall geht es um 50 Millionen Kilogramm Fleisch, das als gesundheitlich bedenklich gilt. Ein Teil davon landete fast im ganzen Land in der Fleischtheke.
Bisher ging es bei dem Pferdefleischskandal um eine Vertrauensfrage, denn das Fleisch ist per se nicht schädlich. In einem neuen Fall geht es nicht mehr nur um eine Geschmacksache, sondern auch um die Gesundheit.
Im Verdacht steht diesmal der niederländische Fleischgroßhändler Willy Selten. Er soll seit mehr als zwei Jahren Pferde- und Rindfleisch im großen Stil vermischt und falsch etikettiert haben. Die niederländische Lebensmittelkontrollbehörde hatte 50.000 Tonnen vermeintliches Rindfleisch dieses Händlers zurückgerufen - der größte Teil, vermuten die Kontrolleure, ist wohl längst verspeist. "Wenn man nicht weiß, woher das Fleisch kommt, ist es prinzipiell nicht für den menschlichen Verzehr geeignet", sagte ein Behördensprecher zur Begründung für die Rückrufaktion. Konkrete Hinweise auf Gesundheitsgefahren gebe es nicht. Ausschließen kann die Kontrollbehörde aber auch nicht, dass der Händler Selten mit unkontrolliertem Pferdefleisch panschte. Niemand könne ausschließen, dass in dem gepanschten Fleisch Rückstände von Arzneimitteln wären, sagte Matthias Wolfschmidt von der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch im Deutschlandfunk. Der Pferdefleischskandal zeige, dass es in der europäischen Fleischwirtschaft ein System falscher Anreize gebe. Nötig seien andere Sanktionsmöglichkeiten, konkrete Vorschriften für Unternehmen und mehr Transparenz.
Der betroffene Händler sieht das natürlich anders: "So viel Aufregung," sagte Selten als im Februar die ersten Kontrolleure in seinem Betrieb waren, "dabei geht es höchstens um ein Pferd." Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Betrugs, Urkundenfälschung und Geldwäsche. Die Niederlande hätten eine "umfassende betrügerische Kette" aufgedeckt, sagte EU-Verbraucherschutz-Kommissar Tonio Borg.
Europaweit ist das zurückgerufene Fleisch an rund 500 Schlachtbetriebe gegangen; darunter sind nach Angaben des Bundesverbraucherschutzministeriums 124 Betriebe in Deutschland. Das am stärksten betroffene Bundesland sei Nordrhein-Westfalen mit 38 Händlern, weiterverarbeitenden Betrieben und Metzgereien. In Baden-Württemberg seien 15 Betriebe von dem verdächtigen Unternehmen beliefert worden, in Bayern 14. Nicht betroffen seien einzig Bremen und das Saarland.
Bei Konrollen soll nun auch geklärt werden, ob es Überschneidungen mit bereits bekannten Fällen gibt. Denkbar sei, dass betroffene Produkte mit Fleisch aus dem niederländischen Betrieb schon vor Wochen vom Markt genommen worden seien.
SPD-Chef Sigmar Gabriel fordert als Konsequenz aus dem Pferdefleischskandal die Gründung einer europäischen Lebensmittelpolizei. Mit einer solchen Eurofood-Behörde könnten die Zersplitterung und der Kompetenzwirrwarr im Bereich der Lebensmittelkontrolle beendet werden, sagte Gabriel der "Bild"-Zeitung. Es dürfe nicht zugelassen werden, dass sich nur noch Besserverdiener gesunde Lebensmittel aus dem Biomarkt leisten könnten. Außerdem müsse die europäische Agrarförderung auf Qualität statt auf Quantität ausgerichtet werden, meinte Gabriel.
Die EU-Kommission will kommenden Dienstag eine Zwischenbilanz zu dem Skandal ziehen. Der Europäische Gerichtshof stellte sich unterdessen vor die nationalen Behörden. Sie dürfen demnach auch dann vor Ekel-Fleisch warnen, wenn dieses zwar nicht gesundheitsschädlich, wohl aber für den Verzehr ungeeignet ist. Das Gericht nahm damit Stellung zu einem Streit um verdorbenes Wildfleisch vor dem Landgericht München. Ein Passauer Unternehmer hatte Schadenersatz verlangt, weil das bayerische Verbraucherschutzministerium vor dem Verzehr des Wildfleischs gewarnt und über ekelerregende Zustände in der Firma berichtet hatte. Die Firma meldete wenig später Insolvenz an.
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Die Deutschlandfunk-Presseschau mit Kommentaren zum Pferdefleischskandal
Letzte Änderung: 14.04.2013 13:19 Uhr
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