Drei Tage lang traf sich die deutsche Internetszene in Berlin zu ihrer wohl wichtigsten Konferenz. Viel diskutiert wurde über die Tempobremse der Telekom. Aber auch Fragen politischer Macht beschäftigten die Teilnehmer mehr als in den vergangenen Jahren. Nur die Antworten wollen noch gefunden sein.
Was als Klassentreffen von Bloggern begann, ist zur größten Konferenz der Internetszene in Deutschland geworden. Blogger, Internetaktivisten, Journalisten, Wissenschaftler und Politiker diskutieren über die Verschmelzung von Online- und Offline-Leben sowie über die Freiheit im Internet - "In/Side/out" lautet das Motto in diesem Jahr.
Ein Internet der zwei Geschwindigkeiten? Lieblingsgegner Telekom in der Kritik der Netzuser. (Bild: AP)
Für Aufsehen sorgten auf der Konferenz die aktuellen Pläne der Deutschen Telekom für eine Tempo-Drosselung ihrer Breitbandanschlüsse. Das Unternehmen hatte vor gut zwei Wochen angekündigt, dass sie größere Datenpakete über 75 Gigabyte künftig gesondert abrechnen will. Das Netz wäre also nicht mehr "neutral": Wer mehr surft, Filme im Internet guckt, muss künftig mehr zahlen. Netzaktivisten halten jedoch das Prinzip der Netzneutralität hoch, das einen gleichberechtigten Transport aller Datenpakete im Internet verlangt.
"Jetzt ist die Zeit zu handeln", rief Markus Beckedahl zum Auftakt der "re:publica" Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu. "Verhindern Sie, dass die Telekom ein Internet zweiter Klasse einführt!". Beckedahl ist einer von vier Gründern der Internetkonferenz und kritisierte, dass der hauseigene TV-Dienst Entertain sowie andere gesondert bezahlte "Managed Services" bei der Berechnung des Datenvolumens ausgenommen werden sollen. Beckedahl appellierte an die versammelten Blogger und Netzaktivisten, "ein Zeichen zu setzen".
Ein Schwerpunkt der Konferenz waren Erfahrungen aus dem Internet-Wahlkampf in den USA. Die ehemalige Leiterin der Online-Abteilung im Wahlkampfbüro von US-Präsident Barack Obama, Betsy Hoover, erzählte, wie Online und Offline im Wahlkampf miteinander verknüpft werden, um die Wähler auch emotional anzusprechen.
Internetberater Sascha Lobo: "Netz beschäftigt sich am liebsten mit sich selbst." (Bild: Jan Bölsche)
Blogger Sascha Lobo kritisierte auf der "re:publica" die "Netzgemeinde": Sie hätte in den vergangenen Monaten zu wenig Aktivität gezeigt und sich lieber in Selbstbeschäftigung und lustigen Facebook-Videos verloren. Die "Netzgemeinde" sei "eine Hobbylobby für das freie, offene und sichere Internet", so Lobo weiter - doch politisch habe sie ihre Forderungen bisher nicht durchsetzen können. Die Netzszene verweigere sich der politischen Realität, dass man Verbündete finden und gemeinsam für Themen streiten müsse, um die eigenen Positionen durchzusetzen.
Lobo will mit einer Social-Media-Initiative die Nutzer von Facebook, Google+, Twitter und anderen sozialen Netzwerken abwerben. Denn zunehmend fänden Debatten auf den Servern der privaten Unternehmen Facebook und Google statt und nicht mehr in Blogs. Das sorgt vor allem bei denjenigen für Unbehagen, die im Netz für Freiheit und Pluralität kämpfen.
Der wohl prominenteste Redner des Web-Events war am zweiten Tag der Daimler-Chef Dieter Zetsche. Der Autokonzern ist ein Hauptsponsor der "re:publica" und verspricht sich von dieser Beteiligung Inspiration und Ideen. Zetsche warb für Daimlers Carsharing-Angebot "Car2go", bei dem Autofahrer Wagen stundenweise mieten können.
Mit "Car2go" sei Daimler inzwischen in 19 Städten vertreten und erreiche 350.000 Kunden. Den selbstfahrenden Autos von Internetriese Google konnte der Chef von Autobauer Daimler wenig abgewinnen. "Wenn Sie mal so ein Google-Fahrzeug gesehen haben, dann sieht das etwa so aus wie eine Mondlandefähre", sagte er über die Google-Autos mit ihren aufmontierten Sensoren. Daimlers Ziel sei es, Sensoren und Fahrautomatik nahtlos in Autos einzubauen.
Am dritten und letzten Tag der republica geht es unter anderem um Protest im im Netz und Nachrichtenseiten beim digitalen Journalismus. Hier finden Sie den Zeitplan mit allen Veranstaltungen.
Deutschlandradio-Netzexperte Falk Steiner hat die "re:publica" seit Montag beobachtet. Seiner Einschätzung nach gab es auch "sehr deutsche Debatten" auf der Tagung: Wie leben wir eigentlich als Gesellschaft mit dem Netz? Wie müsste ein klügerer Umgang mit Kindern in der digitalen Umwelt aussehen? Wie das Lernen? Und wie sollte man mit dem Sterben im Netz umgehen?
Auch die institutionalisierte Politik, jenseits der Netzwerkdienste, war Gegenstand der Netzkonferenz. Welche Rolle spielen die Internetnutzer im Wahljahr 2012, warum sind sie mit einigen ihrer Anliegen nicht so weit durchgedrungen, wie dies aus Sicht vieler der Besucher notwendig gewesen wäre? Auf der Suche nach Antworten kamen die Besucher allerdings nicht sehr weit - nur dass es vermutlich nicht richtig wäre, alle Hoffnung auf die Piratenpartei zu legen, darin waren sich die Teilnehmer weitgehend einig.
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Letzte Änderung: 14.05.2013 19:01 Uhr
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