Das Hochwasser in Ostdeutschland hat Wittenberge in Brandenburg erreicht. In Sachsen-Anhalt gibt es trotz eines Deichbruchs in Fischbeck dagegen erste Anzeichen für eine Entspannung der Lage.
Die Deichbruchstelle bei Fischbeck ist nach Angaben des Krisenstabs der Landesregierung unter Kontrolle. Der Deich breche zumindest nicht noch weiter auf und die Fließgeschwindigkeit des aus dem Flussbett strömenden Wassers sei verringert worden, sagte Landesinnenminister Holger Stahlknecht (CDU).
Am Morgen hatte die Bundeswehr große Sandsäcke in die Fluten geworfen. Mit Hilfe von Hubschraubern sollte versucht werden, das Loch zu verkleinern. Die Strömung am Deichbruch sei allerdings so stark, dass es derzeit nicht möglich sei, die rund 60 Meter lange Lücke zu schließen, teilte Landrat Carsten Wulfänger (CDU) mit. Die Sandpakete seien zum Teil einfach weggesackt. "Wir sind also noch lange nicht durch." Insgesamt wurden rund 2500 Menschen aus Fischbeck und neun anderen Orten evakuiert.
Auch weiter südlich an der Mündung der Saale in die Elbe nahe Magdeburg sorgen die Wassermassen nach wie vor für großflächige Überschwemmungen. Im Elbe-Saale-Winkel wurden mehrere Ortschaften geräumt. In Ortsteilen Schönebecks mussten Menschen ihre Wohnungen ebenfalls verlassen. In Aken sind bereits 10.000 Menschen in Sicherheit gebracht worden.
Das Dorf Fischbeck ist nach einem Deichbruch überflutet. (Bild: picture alliance / dpa / Marius Becker)
Nördlich von Fischbeck, elbabwärts bleibt die Bahnbrücke bei Schönhausen weiter gesperrt. Dadurch kommt es immer noch zu Störungen der ICE-Verbindungen Berlin-Köln und Berlin-Frankfurt am Main.
Der Scheitelpunkt des Hochwassers treibt unterdessen weiter nach Norden. Am Mittag erreichte er die Stadt Wittenberge in Brandenburg. Der Pegel zeigte sich dort zunächst bei einer Höhe um 7,75 Meter relativ stabil. "Die Situation ist dennoch nicht zu unterschätzen", warnte eine Sprecherin des Krisenstabs. Das Wasser werde sehr lange hier stehen. Der Landkreis rechne mit einer Dauer von bis zu zehn Tagen. Mit der Flutung von Poldern konnte die Situation bislang entspannt werden.
In Niedersachsen halten die Dämme derweil noch. In den vergangenen Tagen hatten Helfer Hunderttausende Sandsäcke gefüllt und auf die Deichkronen gepackt, damit diese nicht überspült werden.
In Schleswig-Holstein verschärft sich die Hochwasser-Lage langsam. In Lauenburg sei der Pegelstand des Flusses seit gestern Abend um elf Zentimeter auf 9,56 Meter gestiegen, sagte ein Sprecher des dortigen Krisenstabs. Rettungsschiffe der DLRG sammelten bereits Treibgut aus der Elbe - meterlange Baumstämme, Fäkalien und tote Tiere. Die Statik von Häusern in der Altstadt ist nach Ansicht von Lauenburgs Bürgermeister Andreas Thiede inzwischen gefährdet.
Neue Kritik kam unterdessen vom Bund für Umwelt und Naturschutz. Die "blumigen Versprechungen", den Flüssen ihren Raum zu geben, habe die Politik nicht eingehalten, meint der BUND-Hochwasserschutzexperte Winfried Lücking im Deutschlandradio Kultur. In der Vergangenheit sei es zu immer stärkeren Niederschläge gekommen. Wenn Flusswasser keinen Raum habe, sich auszubreiten, ginge es natürlich in die Höhe. "Und so hoch können Sie in Zukunft die Deiche gar nicht bauen", so Lücking.
In der Debatte um Maßnahmen gegen künftige Überschwemmungssituationen hat Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) bekräftigt, dass auch drastische Maßnahmen wie Enteignungen von Bauern zum Hochwasserschutz nicht augeschlossen seien. Dies könne man aber nur "in letzter Konsequenz in Erwägung ziehen", sagte sie. Besser seien einvernehmliche Lösungen mit den betroffenen Landwirten. Die Ministerin unterstützt damit einen Vorschlag von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), etwa für den Bau von Rückhaltebecken an Flüssen Bauern notfalls zu enteignen. Dies war beim Bayerischen Bauernverband auf Kritik gestoßen.
Bundespräsident Joachim Gauck will am Freitag in die betroffenen Hochwassergebiete in Bayern reisen. Er wolle weiter dafür werben, dass Thema als nationales zu betrachten und nicht den Regionen alleine aufzubürden.
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Letzte Änderung: 12.06.2013 07:35 Uhr