Die Polizei greift bei den Protesten auf dem Taksim-Platz in Istanbul hart durch (Bild: picture alliance / dpa / Sedat Suna)
Der erneute Großeinsatz der türkischen Polizei gegen die Demonstranten auf dem Taksim-Platz hat die Lage nach Tagen friedlicher Proteste dramatisch verschärft. Auch in der Hauptstadt Ankara kam es am Abend wieder zu Zusammenstößen.
Schwer gerüstete Einsatzkräfte attackierten auf dem Taksim-Platz wieder zehntausende Demonstranten, die sich auf dem Platz versammelt hatten. Die Polizei feuerte Tränengas in die Menschenmenge, das in Schwaden über den Platz zog. Notarztwagen transportierten Verletzte ab. Wie viele es waren, blieb zunächst unklar. Der türkische Nachrichtensender NTV sprach vom Taksim-Platz als einem "Schlachtfeld".
Der Platz war bereits am Dienstagmorgen gewaltsam von der Polizei geräumt worden. Sie setzte auch da gepanzerte Fahrzeuge, Tränengas, Gummigeschosse und Wasserwerfer ein. Einige Jugendliche, die Helme und Gasmasken trugen, warfen Molotowcocktails und Steine. Die Sicherheitskräfte ließen Bagger auffahren, um die von Demonstranten in Nebenstraßen errichtete Barrikaden zu beseitigen.
Am Dienstagabend marschierten wieder tausende Menschen auf den zentralen Taksim-Platz, der seit dem Beginn der Proteste zum Symbol des Widerstands gegen die Staatsmacht geworden ist. Die Demonstranten waren einem Aufruf der Taksim-Plattform gefolgt, die scharfe Kritik am gewaltsamen Vorgehen der Polizei übte. Das Volk lässt sich nicht mehr so einfach einschüchtern wie vor einigen Jahren, kommentiert Christian Buttkereit die erneuten Proteste im Deutschlandfunk. Auch in der Hauptstadt Ankara gingen Erdogans Gegner auf die Straßen. Wie eine Korrespondentin des arabischen Nachrichtensenders Al-Dschasira berichtet, soll die Polizei auch dort mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die Gegner der konservativen Regierung vorgegangen sein.
Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan (Bild: picture alliance / dpa / Georg Hochmuth)
Der immer mehr in die Kritik geratende Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan verteidigte den massiven Polizeieinsatz und bezeichnete die Türkei als Opfer konzentrierter Angriffe aus dem In- und Ausland. Erdogan hatte nach der Erstürmung des Platzes im Zentrum von Istanbul ein Ende der Demonstrationen verlangt. Von nun an werde es keine Toleranz mehr geben, sagte Erdogan weiter in Ankara.
Die Proteste hatten sich ursprünglich gegen ein Bauprojekt gerichtet. Inzwischen steht aber der Regierungschef selbst in der Kritik. Auch in anderen türkischen Städten gibt es immer wieder Demonstrationen, auf denen der zunehmend autoritäre Regierungsstil Erdogans angeprangert wird. Die Demonstranten werfen dem Ministerpräsidenten und seiner mit absoluter Mehrheit regierende AKP vor, die weltliche Republik insgeheim islamisieren zu wollen und die Freiheitsrechte der Bürger einzuschränken.
Am Mittwoch soll erstmals seit dem Beginn der regierungsfeindlichen Demonstrationen in der Türkei ein Gespräch zwischen Vertretern der Demonstranten und Ministerpräsident Erdogan stattfinden. Das Treffen ist für den Nachmittag am Sitz der Regierungpsartei AKP in Ankara angekündigt. Die Vertreter der Demonstranten würden "über die Fakten informiert, und unser Ministerpräsident wird sich anhören, was sie zu sagen haben", so Erdogans Stellvertreter Bülent Arinc.
Die Proteste setzten Ende Mai ein. Bei den Zusammenstößen wurden bislang vier Menschen getötet, fast 5000 verletzt. Die Vereinigung Zeitgenössischer Anwälte (CHD) teilte mit, am Dienstag seien 73 Anwälte festgenommen worden, die gegen den brutalen Polizeieinsatz protestierten. Inzwischen sind diese aber nach einer Meldung der Nachrichtenagentur AFP wieder auf freiem Fuß.
Die Linken-Politikerin Sevim Dagdelen forderte einen Stopp der EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei. Der Außenpolitikexperte der Unionsfraktion, Philipp Mißfelder (CDU), sagte, "dieser Zug" sei "erst einmal abgefahren". Die Türkei führt seit 2005 Verhandlungen mit der EU, die Gespräche kommen jedoch kaum voran.
Letzte Änderung: 12.06.2013 06:01 Uhr
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