Im Mittelpunkt von Jonathan Littells Debütroman "Die Wohlgesinnten" steht ein SS-Offizier, aus dessen Sicht der Holocaust ohne Reue geschildert wird. Das Original "Les Bienveillants", das am Samstag auf Deutsch erscheint, erhielt 2006 den Prix Goncourt. In Frankreich ist das Buch des Amerikaners aus jüdischer Familie ein Bestseller.
In seiner Mischung aus historischem Material und literarischer Fiktion ist Littells Roman ein Meilenstein. Nicht nur, weil er Orte, Namen und Ereignisse genauestens benennt und den Ablauf der faschistischen Tötungsmaschinerie nachvollziehbar macht, sondern weil der Autor mit seinen Charakteren, besonders mit seiner Hauptfigur des SS-Obersturmbannführers Max Aue, Figuren schafft, die uns nahekommen und die eigentlich wir selbst sein könnten. Fünf Jahre lang hat Littell an dem Mammutwerk gearbeitet und in den Archiven alle verfügbaren Dokumente studiert, um den Roman dann in nur vier Monaten wie im Rausch herunterzuschreiben. (Deutschlandfunk, Büchermarkt: Text, MP3-Audio)
Wer so lange einem Mörder zugehört, seinen Monologen gelauscht hat, wer mit ihm hinabgestiegen ist ins Kellergeschoss der Seele, der will dort nicht alleine sein. Nicht mit Maximilian Aue, diesem SS-Obersturmbannführer und Bildungsbürger, der sich am Massenmord an den Juden beteiligt, aber pingelig darauf geachtet hat, sich seine Uniform nicht zu beschmutzen. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" sicherte sich die Rechte am Vorabdruck und richtete ein Diskussionsforum im Internet ein. (Deutschlandfunk, Kultur heute: Text)
Der Sozialpsychologe Harald Welzer hat eine neue Stufe der ästhetisierenden Auseinandersetzung mit dem Holocaust ausgemacht. Welzer, der die Forschungsgruppe "Erinnerung und Gedächtnis" am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen leitet, hält das Buch mit seinen 1000 Seiten streckenweise für langatmig und redundant. Den Erfolg in Frankreich, wo bislang 800.000 Exemplare des Buches verkauft wurden, erklärt er sich damit, dass die Hauptfigur "hinsichtlich seiner Bildungsstandes, seiner Belesenheit, seiner Reflexionsfähigkeit" vom Klischeebild des Nazis abweiche. (Deutschlandradio Kultur, Radiofeuilleton, MP3-Audio)
Alles roch nach Sensation, als am 21. August 2006 das französische Original "Les Bienveillants" erschien. Ein "literarisches Hiroshima" hatte der Verlag angekündigt. Preise und Auszeichnungen, Kritiken und Debatten heizten die Nachfrage derart an, dass das Mammutwerk zu den am höchsten gehandelten Titeln weltweit gehört. In der Sendung "Literatur" von Deutschlandradio Kultur sprach Jochen Stöckmann mit Jonathan Littell. (Deutschlandradio Kultur, Literatur, Text)
Erstmals sicherten Polizisten das im feinen zweiten Pariser Arrondissement gelegene Restaurant "Drouant" ab, in dem der damals 39-jährige Jonathan Littell als Gewinner des Prix Goncourt bekanntgegeben wurde. (Deutschlandradio Kultur, Fazit: Text)
Am 1. März stellt Jonathan Littell seinen Roman "Die Wohlgesinnten", der im Berlin Verlag erscheint, im Berliner Ensemble im Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit vor.
Letzte Änderung: 30.08.2008 03:20 Uhr
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