2004 setzte der damalige SPD-Parteichef Franz Müntefering das Bild von den Heuschrecken für die international agierenden Finanzinvestoren in die Welt. Die Metapher hat sich durchgesetzt, wenn auch ein differenzierter Blick auf die Strategie dieser Branche geboten scheint.
"Sie schreiben die Titelstory des Jahres: Tod einer Heuschrecke!"
"Wilson war ein Mensch und kein Insekt."
Auch so kann ein Siegeszug aussehen: Heuschrecken stürmen den öffentlich-rechtlichen Fernsehsonntag.
"Ted Wilson ist gestern Nacht von der Terrasse eines Klubs gestürzt."
"Und es sieht nicht nach einem Unfall aus."
"Ted ist die Nummer eins in einer internationalen Kapitalanlagegesellschaft, Blue Mountain Invest, ist auch hier in Berlin tätig."
"Und was treibt diese Blue-Mountain-Invest?"
"Bereiten gerade eine Übernahme vor."
"Tod einer Heuschecke", ein Tatort im vergangenen Monat in der Welt der Finanzinvestoren, der Hedgefonds, der Private-Equity-Firmen - in der Welt der Heuschrecken eben. Was für eine Karriere für eine Metapher! Gestartet als politischer Kampfbegriff - gelandet im Fernsehsessel am Sonntagabend. Und dabei hatte es so unbeholfen angefangen:
"Unsere Kritik gilt der international wachsenden Macht des Kapitals und der totalen Ökonomisierung eines kurzatmigen Profithandelns."
Franz Müntefering, im Herbst 2004 war er Parteichef der SPD und ein Mann mit mannigfachen Problemen. Die rot-grüne Bundesregierung mit dem Auto-Kanzler, dem Genossen der Bosse, an der Spitze hatte es mit der sozialdemokratischen Stammwählerschaft gründlich verdorben. In Nordrhein-Westfalen standen Wahlen ins Haus. Da erfand Franz Müntefering die Kapitalismuskritik - erst hölzern noch, aber dann, dann traf der SPD-Chef den Ton:
"Es ist wie ein Heuschreckenschwarm, der über die Welt zieht und die Länder und die Äcker leer frisst und eigentlich sich keine Gedanken darüber macht, wie es weitergeht."
Es waren gefährliche Metaphern, mit denen der SPD-Chef zu jonglieren begann. Die Gedenkfeiern zum Ende der Nazi-Herrschaft 60 Jahre zuvor vor Augen, empörte sich der Historiker Michael Wolffsohn:
"Ein Vergleich mit Ungeziefer, der ist so eindeutig historisch! Diese Wort- und Sprachbilder haben eine so unsägliche Tradition in der abendländischen Geschichte! Was ist in diesem Lande los?"
Zutiefst verunsichert war das Land. Die Arbeitslosenzahlen hoch; das Wachstum gering. Unternehmen keine Konstanten mehr, Arbeitsplätze flüchtig. Und dann ertönten die Alarmglocken in einem Unternehmen aus der nächsten Nachbarschaft des sauerländischen SPD-Chefs - die Alarmglocken erklangen bei Grohe, mittelständischer Produzent von Badarmaturen:
"Es wurden Gewinne mitgenommen, es wurde alles zu Geld gemacht, was irgendwie möglich ist. Wenn die Zitrone ausgepresst ist, irgendwann bleibt nur noch die Schale übrig. Und die kann man nicht verwerten."
Betriebsrat Peter Schulze. Grohe wurde zum Exempel: 1999 von der Eigentümerfamilie verkauft an einen britischen Finanzinvestor. Zunächst scheint alles in Ordnung, der Investor sorgt für moderne Zeiten, die Forschungsausgaben steigen. Erst 2003 zahlt Grohe Teile des Kaufpreises an den Investor wieder zurück. Und die Briten kassieren erneut, als Grohe ein Jahr später, 2004, weitergereicht wird - diesmal an einen US-Investor. Jetzt kommt es knüppeldick: Entlassungen, der Standort im brandenburgischen Herzberg wird geschlossen.
"Die Firma, das ist doch wie eine Hure, die man benutzt, wo jeder scheffelt und holt sich sein Geld da raus. Und wenn nichts mehr ist, dann bleiben wir alle auf der Strecke."
Heute verheilen die Wunden. Zwar schreibt Grohe weiter rote Zahlen und schiebt einen Schuldenberg vor sich her. Schulden, das hatte es zu Zeiten des Familienbetriebs nicht gegeben. Vielleicht aber stimmt es, was der vom US-Investor installierte Firmenchef David Haines meint: Ohne Sanierungskurs hätte die Firma aus dem Sauerland keine Chance gehabt. Immerhin hat Grohe im vergangenen Jahr erstmals eine Milliarde Euro an Jahresumsatz überschritten.
"Um es mit einem Schlagwort zu belegen: Unsere Investoren sind der Wertschöpfungsturbo, der uns alle antreibt."
Das Misstrauen aber ist groß: Was Grohe war, könnte nun der Modekonzern Hugo Boss werden. Dort stieg im vergangenen Sommer der US-Investor Permira ein. Und wie der Grohe-Vorstand einst klang, klingt Hugo-Boss-Vorstand Hans Fluri jetzt:
"Glauben Sie es mir, Permira wird Hugo Boss nicht auslutschen. Permira wird nur erfolgreich sein, wenn Hugo Boss auch erfolgreich ist."
Vor einem Monat schienen sich jedoch alle bösen Ahnungen zu bestätigen. Permira erzwingt die Auszahlung einer Dividende von knapp 450 Millionen Euro. Geld für die Anteileigner, Geld also für Permira selbst.
Unter dem Eindruck der Heuschrecken-Debatte ist man aber vorsichtiger geworden in der Investoren-Welt. Permira-Sprecher Martin Weckwerth zeigt auf die Unterschrift unter einen Vertrag, der Standort und Arbeitsplätze für die nächsten Jahre sichern soll:
"Hier bei Hugo Boss braucht keiner irgendeine Angst zu haben, und wir haben gerne ein Signal an die Belegschaft gegeben mit dem Standortsicherungsvertrag, um auch für den Standort Deutschland ganz klar zu sagen, es geht hier um Aufbau, Wachstum und weiteren Ausbau."
Die Investoren, deren Heimat der raue angelsächsisch-amerikanische Kapitalmarkt ist, haben sich angepasst - deutsche Heuschrecken zirpen leiser. Und außer den großen Geschichten mit den alarmierenden Schlagzeilen sind längst andere, kleine, erfolgreiche Geschichten geschrieben worden. Wie die von Benjamin Morgenstern: Der 39-Jährige hat in seiner Software-Schmiede Motionet die Türen für eine Heuschrecke weit aufgemacht:
"Natürlich sagt man manchmal, oh, wir haben vielleicht ein bisschen viel Prozente abgegeben; dann sagt man wieder, oh, mit deren Hilfe haben wir es jetzt geschafft. Man muss auch ganz klar sehen: Die haben einen hohen sechsstelligen Betrag in uns investiert. Wir waren zu zweit, sind jetzt 15. Da sind Arbeitsplätze geschaffen worden. Das ist schon eine ganz gute Geschichte."
Und deren Ende? Der geistige Vater der Heuschrecken-Debatte steht politisch nur mehr am Rande des Spielfeldes. Die Kapitalismuskritik? Vielleicht hat sie den Sozialdemokraten geholfen, wenigstens die Hälfte der Macht in Berlin zu behalten. Viel weiter wird sie wohl nicht reichen. Und in der Welt der Investoren, und in der Welt der Investoren sieht es in Zeiten der Finanzmarktkrise gar nicht mehr rosig aus. Wenn das Geld teurer wird, wenn die Kredite versiegen, wird auch das Futter für die Heuschrecken knapp. Was bleibt, ist die Magie der Metaphern, die manchmal gefährlich ist, manchmal aber auch nur bis in den Fernsehsessel am Sonntagabend reicht.
Letzte Änderung: 30.10.2008 03:20 Uhr
Deutschlandfunk
Seit 23:05 Uhr
Lange Nacht
Nächste Sendung: 00:00 Uhr
Nachrichten
Deutschlandradio Kultur
Seit 23:05 Uhr
Fazit
Nächste Sendung: 00:00 Uhr
Nachrichten
DRadio Wissen
Seit 20:00 Uhr
DRadio Wissen Lärm
Nächste Sendung: 00:00 Uhr
Beiträge zum Nachhören
Sport aktuell vom 11. Februar 2012
Sendezeit: 11.02.2012, 22:50
Nachwuchs-Radprofi Marcel Kittel und die Erfurter Blutaffäre
Sendezeit: 11.02.2012, 19:53
Muss Jan Ullrich jetzt zahlen? Interview mit Sportrechtler Dr. Marius Breucker
Sendezeit: 11.02.2012, 19:48
dradio-Recorder
im Beta-Test: