Vor 86 Jahren wurde im sächsischen Zschopau das erste motorisierte Zweirad gebaut, das schnell zu einem Verkaufshit wurde. In den Zwanzigern des letzten Jahrhunderts wuchsen die Motoren- und Zweiradwerke Zschopau (MZ) zur größten Motorradfabrik weltweit heran. Doch nun steht das Traditionsunternehmen vor dem Aus.
Startnummer eins, Werner Gebhardt, fünfundsechziger Baujahr bringt an den Start eine MZ aus dem Jahr 1967.
Zschopau Anfang Juli: Die kleine Stadt im Erzgebirge ist Enduro-begeistert, daran gibt es keinen Zweifel. An diesem sommerlichen Samstag startet zum wiederholten Mal ein großer Motorrad-Gelände-Wettbewerb mit 160 Startern aus ganz Deutschland. Und natürlich sind hier vor allem die Fans der alten MZ mit am Start.
Im Hof von Schloss Wildeck, mitten im Zentrum der Start, formieren sich die Fahrer jeweils in Dreiergruppen. Angelassen werden die Maschinen noch durch Körpereinsatz und mit einem schnellen Kickstart:
Und wir haben eine MZ, die 113, genau die 113, das ist Stefan Eisenberg, das ist in der Nähe von Gera, genau. Er hat also einen Werksrahmen geöffnet. Das Motorrad ist letztes Jahr neu aufgebaut worden und es läuft und läuft.
Klingt auch gut!
Genau!
Fahrer wie auch Maschinen aller Altersklassen ziehen Grüppchenweise ins Gelände. Zahlreiche Schaulustige haben sich eingefunden, um den Motorradpark in Augenschein zu nehmen. Man kommt ins Gespräch:
Darf ich Sie mal fragen, was Sie für ein Motorrad fahren?
Eine MZ 125 G, aus dem Baujahr 1967, also jetzt wieder neue aufgebaut seit fünf Jahren, also gut, es ist eigentlich ein Serienmodell, das in der DDR hergestellt wurde für die Landwirtschaft und die GST.
Ein Gebrauchsmotorrad für die Bevölkerung zu bauen, das war der Traum von Jörgen Rasmussen. Der Däne hatte Anfang des 20. Jahrhunderts in Sachsen studiert, sich dann verliebt, verlobt und verheiratet mit einer Sächsin. Das führte zu einer Betriebsgründung in Zschopau. Noch heute ist hier im Museum das erste Motorrad der Welt zu besichtigen, ein Fahrrad mit Hilfsmotor aus der Fabrikation des Jörgen Rasmussen:
Und das nannte sich hier stets 'das kleine Wunder'. DKW heißt eigentlich Dampfkraftwagen, und damit hat Rasmussen angefangen, das war das erste Motorrad in Zschopau und das nannte sich Reichsfahrtmodell, 1922, das ist also wirklich das erste Motorrad, dann gab es jedes Jahr ein Neues. 1929 baute er bereits 60.000 Motorräder in seiner Zschopauer Fabrik und war damit weltgrößter Motorradbauer.
86 Jahre danach ist von dieser Aufbruchstimmung nicht mehr viel übrig. Seit der Wende befindet sich das Unternehmen im Abschwung. Allen finanziellen und entwicklungstechnologischen Anstrengungen zum Trotz, ist es der Traditionsmarke nicht mehr gelungen, an die sportlichen und wirtschaftlichen Erfolge früherer Zeiten anzuknüpfen.
Schon in der ersten Privatisierung nach der Wende wurden strategische Weichen falsch gestellt. Auch der Verkauf des Unternehmens an einen malaysischen Mischkonzern, im Jahr 1996, konnte den Niedergang nicht aufhalten. Nun wollen die Malaysier das Handtuch werfen und das Werk zum Ende des Jahres schließen.
Ja, wir sind hier in der Fertigungshalle, wo sämtliche Motoren und letztendlich auch die Motorräder montiert werden. Ja, zurzeit ist es etwas kritisch, weil es ja eigentlich ausläuft. Diesen Monat werden noch hundert produziert und dann ist erst mal nichts vorgesehen, weil wir ja mit dem schlimmsten Fall rechnen müssen, dass hier zum 31. Dezember zugemacht wird.
Steffen Dögnitz steht in der riesigen Fertigungshalle der Motorrad- und Zweiradwerke Zschopau. Es ist ruhig an diesem Freitagmittag. Nur noch 40 Mitarbeiter zählt das Unternehmen, dessen Vorgänger zu DDR-Zeiten noch 3500 Menschen beschäftigte. Neben den Rollwagen mit säuberlich aufgereihten Bauteilen, stehen etwa ein Dutzend fertig montierte Motorräder. Sie warten auf ihre Farbgebung und die letzte Qualitätskontrolle:
Das hier sind Tausender, hier links stehend, und das sind Hundertfünfundzwanziger, das sind die Produkte, die hier noch gefertigt werden.
Steffen Dögnitz hat 1999 bei MZ begonnen. Er ist 50 Jahre alt, leitet die IT-Abteilung im Unternehmen und ist Vorsitzender des Betriebsrates. Erst jüngst hat er das sächsische Wirtschaftsministerium alarmiert, dass es steil bergab geht in Zschopau.
Die Eigentümer haben in den vergangenen zwölf Jahren einiges Geld in das Unternehmen gesteckt, dennoch ist es nicht gelungen aus den roten Zahlen herauszukommen. Die Bindefrist an Auflagen, die aus der Fördermittelvergabe resultieren, läuft zum Jahresende aus.
Ja, und was danach wird, steht in den Sternen.
50 Jahre seines Lebens hat Christian Steiner mit der legendären MZ verbracht. Er hat fast alles gefahren, was die Fabrikation verließ, war Testfahrer und später Marketingchef, er weiß, welchen Stellenwert das Werk der Traditionsmarke einst in Zschopau hatte:
Die Stadt war ohne MZ überhaupt nicht denkbar. Die MZ war allgegenwärtig in dieser Stadt. MZ war eine Institution, es gab zum Beispiel die BSG Motor Zschopau mit Fußball, Leichtathletik und Handball. Es gab eine Blaskapelle von MZ, es gab eine Tanzgruppe für Kinder und Erwachsene. Es gab einen Mal- und Zeichenzirkel.
ZU DDR-Zeiten fertigte das Werk rund 80.000 Gebrauchsmotorräder pro Jahr, die Hälfte davon ging in den Export, nach Jugoslawien, Bulgarien, Rumänien und nach Großbritannien sowie in den Irak:
Im Irak gab es viele Leute, die konnten nicht lesen und schreiben. Die sind wirklich vom Fahrrad oder vom Kamel und Esel auf das Motorrad umgestiegen. Die brauchten also eine einfache und simple Technik.
Die Unkompliziertheit der Maschine sei ihre Stärke und zudem ein Teil des Mythos, der die MZ umgibt, meint Jürgen Schindler, der Leiter der Abteilung "Arbeitsvorbereitung" im Motorradwerk.
Ihre Stärke, das war früher immer die Pflegeleichtigkeit des Fahrzeugs, solange die Zweitakter noch gebaut wurden. Also man konnte das Fahrzeug fahren ohne große Reparaturen, und wenn man reparieren musste, konnte es eigentlich jeder machen. Man hat keine Werkstatt gebraucht. Das konnte jeder reparieren. Es war nicht anfällig, man konnte Sommer wie Winter damit fahren. Beim Auto würde man sagen, es war ein Volkswagen, beim Motorrad: Es war ein Volksmotorrad!
Jürgen Schindler glaubt an eine Zukunft für MZ. Seit die dramatische Lage des Unternehmens kürzlich öffentlich geworden ist, haben sich mehrere Interessenten für eine Übernahme gemeldet, daraus schöpft der leidenschaftliche MZ-Fahrer wieder neue Hoffnung:
Es geht weiter, ich bin eigentlich optimistisch, so wie es im Moment aussieht, gehe ich doch davon aus, dass es irgendwie weitergehen wird hier.
Letzte Änderung: 17.01.2009 03:20 Uhr
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