Olympiasiegerin Shelly-Ann Fraser hat binnen eines Jahres eine wundersame Leistungssteigerung vollzogen. In der Rangliste des Weltverbandes IAAF wurde die 21-jährige im vergangenen Jahr noch mit 11,31 Sekunden geführt - mit einer Zeit, die an guten Tagen sogar deutsche Sprinterinnen laufen. In Peking war Fraser sagenhafte 53 Hundertstel schneller. Mehr als eine halbe Sekunde in zwölf Monaten, das grenzt auf dieser Strecke an ein Wunder.
Und Wunder sind selten im Sport, Leistungen lassen sich meistens durch verschiedene Parameter erklären.
Sicher, die Jamaikerinnen stellen derzeit bei Männern und Frauen die stärksten Sprinter, sind auch für beide Staffeln favorisiert. Hinter Fraser gewannen die beiden anderen Jamaikanerinnen, Sherone Simpson und Kerron Stewart, je eine Silbermedaille. Der Konkurrenzkampf auf Jamaika ist so groß, dass sich Weltmeisterin Veronica Campbell-Brown nicht für das olympische Einzelrennen qualifizieren konnte.
Andererseits hat Jamaika keine Antidopingagentur. Die Dopingkontrollen werden dort vom Teamarzt der Leichtathleten mit koordiniert, von Herb Elliott, der den Fabel-Weltrekordler und Olympiasieger Usain Bolt vehement gegen Doping-Gerüchte verteidigt. Bolt sei in Peking sechs Mal kontrolliert worden, behauptete der Mannschaftsarzt, ein Doktor der Biochemie. Erst vor wenigen Tagen mussten die Jamaikaner einen Staffelsprinter wegen Dopings zurückziehen, aber nicht ohne den Athleten noch zu verteidigen. In Peking beschwerten sie sich über zu viele Kontrollen in ihrem Team.
Shelly-Ann Fraser wird wie der ehemalige 100-Meter-Weltrekordler Asafa Powell von Stephen Francis trainiert. Ihre Überlegenheit im Finale war frappierend. Sie hatte zwei Zehntel Vorsprung, wie tags zuvor Usain Bolt. Ihre 10,78 Sekunden - persönliche Bestzeit - ist die drittschnellste Zeit, die jemals von Olympia-Ersten gelaufen wurde.
Am schnellsten war 1988 Florence Griffith-Joyner, die vor zehn Jahren mysteriös verstorbene Fabel-Weltrekordlerin. Zweitschnellste war in Sydney vor acht Jahren Marion Jones - doch deren 10,75 Sekunden wurden wie sämtliche Platzierungen und Medaillen inzwischen annulliert. Denn Jones war mit teuflichen Drogen-Cocktails gedopt.
Nicht nur die wundersame Steigerung von mehr als einer halben Sekunde macht Fraser verdächtig. Die junge Frau trägt eine Zahnspange - und das gilt in der Branche als untrügliches Zeichen für den Einsatz von Wachstumshormonen. Das einzige Wachstumshormon, das binnen maximal 36 Stunden nachgewiesen werden kann, ist das Human Growth Hormon (HGH). Darauf wird zwar in Peking getestet, allerdings müssen HGH-Behandlungen nicht bis unmittelbar vor den Wettkampf durchgeführt werden. Denn HGH wirkt über einen Zeitraum von mehreren Wochen. Es gibt allerdings ungefährlichere Methoden, sich zu dopen: andere Wachstumshormone, ob nun mit oder ohne Insulin-Zusatz, sind gar nicht nachzuweisen.
Letzte Änderung: 24.02.2009 03:20 Uhr
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