Der Amokläufer von Baden-Württemberg hat möglicherweise seine Tat doch nicht in einem Internet-Chatroom angekündigt. Dies war vom baden-württembergischen Innenminister Heribert Rech (CDU) zunächst so bekannt gegeben worden. Ein Sprecher der Polizei sagte aber am Abend, es gebe keinen Beweis, dass der Täter den Eintrag selbst verfasst habe.
In Internetforen wurde die angebliche Tatankündigung bereits seit Mittwoch als Fälschung bezeichnet.
Innenminister Rech hatte am Donnerstag Mittag auf einer Pressekonferenz aus dem Chatroom-Eintrag zitiert. Darin schreibe der Verfasser wörtlich: "Ich habe dieses Lotterleben satt."
Weiter schrieb er: "Es ist immer dasselbe, alle lachen mich aus, niemand erkennt mein Potenzial. Ich werde morgen früh in meine alte Schule gehen. Man möge sich den Namen des Ortes Winnenden merken."
Die Staatsanwaltschaft hatte Berichte einer Fälschung zurückgewiesen: Ein entsprechender Eintrag sei auf dem Computer des Täters gefunden worden. Diese Annahme sei falsch, erklärte nun die Polizei.
Minister Rech erklärte zudem, der Täter habe sich wegen einer Depression seit 2008 in psychiatrischer Behandlung befunden, diese aber offenbar abgebrochen. Klar sei, dass der 17-Jährige geübt im Umgang mit Schusswaffen gewesen sei. Der Polizeipräsident von Baden-Württemberg, Retger, teilte mit, der Täter habe bei seinem Amoklauf etwa 200 Schuss Munition bei sich gehabt. Insgesamt habe er rund 100 Schüsse abgegeben.
Die Polizei in Waiblingen teilte unterdessen mit, der 17-jährige Täter habe offenbar viel Zeit am Computer mit sogenannten "Killerspielen" verbracht.
Auf seinem Rechner, der noch weiter ausgewertet werde, habe man das Spiel "Counterstrike" gefunden. Zu den Hobbys des Jugendlichen zählten den Erkenntnissen zufolge auch Soft-Air-Waffen, bei denen Plastik-Munition per Luftdruck verschossen wird. Gegen den Vater des Täters wird inzwischen wegen Verstoßes gegen das Waffenrecht ermittelt. Der Polizeisprecher erklärte, der Amokschütze habe die Tatwaffe offenbar aus dem Schlafzimmer der Eltern entwendet. Alle anderen Waffen des Vaters hätten sich im Tresor des Hauses befunden. Nach Angaben des Winnender Polizeichefs Ralf Michelfelder deutet zudem vieles darauf hin, dass der Vater des 17-Jährigen bei der Aufbewahrung der Waffe nachlässig gewesen sei.
Herbert Scheithauer, Entwicklungspsychologe an der Freien Universität Berlin, glaubt, dass die Aufarbeitung des Winnenden-Amoklaufs möglicherweise doch Warnhinweise des Täters - sogenannte "Leaking"-Merkmale - zutage fördern wird. Denn: Oft würden Menschen erst nach eingehender Befragung
im Nachhinein Warnsignale erkennen, sagt Scheithauer.
Warum töten Jugendliche - oft ohne deutlich erkennbaren Grund - Mitschüler und Lehrer? Ist der schulische Druck Auslöser? Leiden sie an Entwicklungsstörungen, die sich dort entladen, wo sie vorzugsweise sind - in der Schule? Welche Rolle spielen gewaltverherrlichende Computerspiele oder über Jahre ertragene Demütigungen? Gibt es Warnhinweise für drohende Amokläufe? Der Beitrag Wenn Wut rasend macht der "Studiozeit" aus dem Jahr 2008 beschäftigt sich mit den innersten Gefühlswelten des Amokläufers.
Am Tag nach dem Amoklauf in Winnenden geht es jetzt vor allem um die Betreuung der Betroffenen. Psychologen kümmern sich weiter um die Angehörigen der Toten, aber auch um die Schüler und Lehrer, die die Bluttat überlebt haben.
Die betroffene Realschule bleibt vorerst geschlossen. Der 17-jährige Täter war gestern mit einer Waffe seines Vaters in seine frühere Schule eingedrungen und hatte neun Schüler und drei Lehrerinnen erschossen. Auf seiner Flucht tötete er drei weitere Menschen, bevor er sich nach einem Feuergefecht mit der Polizei selbst das Leben nahm.
Nach dem Amoklauf des 17-Jährigen wird über mögliche Konsequenzen diskutiert. Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, wandte sich allerdings gegen eine Verschärfung des Waffenrechts. In der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse" verwies er darauf, dass die letzten Änderungen erst vor einem Jahr in Kraft getreten seien. Auch der Vorsitzende des Innenausschusses des Bundestages, Sebastian Edathy (SPD), betonte, die Gesetze seien auf der Höhe der Zeit. In Einzelfällen sei aber der Einsatz von Metalldetektoren in Schulen denkbar, sagte er der Zeitung "Die Welt".
Die Schriftstellerin Ines Geipel macht die Waffengesetze in Deutschland für den Amoklauf mitverantwortlich. Private Schusswaffen müssten aus den Haushalten raus, mahnte Geipel, die auch Autorin eines Sachbuchs über den Erfurter Amoklauf ist.
Joachim Herrmann (CSU), bayerischer Innenminister, hält den Umgang mit Waffen in der Familie des Amokläufers von Winnenden für leichtfertig. Die Aufbewahrungsvorschriften seien aber bereits verschärft worden, sagt Herrmann, und richtet einen Appell an alle Waffenbesitzer.SU-Generalsekretär Alexander Dobrindt forderte in der "Passauer Neuen Presse" eine breite gesellschaftliche Allianz gegen Gewalt und Verrohung.
Christiane Alt, Direktorin des Gutenberg-Gymnasiums im thüringischen Erfurt, durchlebt bis heute - wie viele Andere in ihrer Stadt auch - die Aufarbeitung eines Amoklaufs (MP3-Audio, DLF-Informationen am Morgen). Ein 19-Jähriger war im April 2002 in das Gymnasium eingedrungen und begann zu schießen. Am Ende waren 17 Menschen, einschließlich des Täters Robert S., tot.
Programmhinweis: Über den Stand der Ermittlungen sowie die Motive des Täters von Winnenden berichten auch die Informationssendungen im Deutschlandradio, darunter die "Ortszeit" (Deutschlandradio Kultur, 17:07 Uhr) und die "Informationen am Abend" (Deutschlandfunk, 18:10 Uhr).
Letzte Änderung: 19.09.2009 03:20 Uhr
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