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FAZIT - KULTURPRESSESCHAU

KULTURPRESSESCHAU

10.03.2010

Von Gregor Sander

"Gehen Sie in die Neue Nationalgalerie nach Berlin", fordert Florian Illies seine Leser in der Wochenzeitung "DIE ZEIT" auf.

"Schauen Sie sich an, wie dort von diesem Wochenende an die Geschichte der deutschen Kunst in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts auf neue Weise erzählt wird. Sie werden überrascht sein, verstört, begeistert, irritiert, überwältigt."

Unter dem neuen Direktor Udo Kittelmann wurde in der Neuen Nationalgalerie das Depot durchforstet. Für Illies ist die daraus entstandene Ausstellung "Moderne Zeiten" eine Sensation:

"Nicht mehr 1933, wie seit Jahrzehnten üblich, sondern im Jahre 1945 endet nun die Zeitrechnung - weil eben auch Kunstgeschichte Teil der Menschheitsgeschichte ist."

Die Berliner Ausstellung zeigt Werke aus Expressionismus, Dada,
Neuer Sachlichkeit, Bauhaus-Kunst und Surrealismus in einer Zeitspanne von 1900 bis 1945, und Illies erkennt dabei in der "ZEIT":

"Das ist die wichtigste Lektion, darüber, wie ab Anfang der dreißiger Jahre eine neue, antikisch orientierte Körperlichkeit in fast allen Werken Einzug hält, ganz gleich, ob sich die Künstler bereits in der inneren Emigration befanden, in der Verfolgung oder zu Staatsmalern aufstiegen. "Das sind doch Menschen" - das große Wort von Gottfried Benn ist hier Programm für eine Lehrstunde über die Notwendigkeit historischer Differenzierung. Die Moderne, so die subtile Botschaft, wäre auch ohne die Nazis an ihr natürliches Ende gekommen."

Etwas weniger schwärmerisch erklärt Gabriela Walde in der Tageszeitung "DIE WELT" den Umgang der Ausstellung mit den im Nationalsozialismus verlorenen Bildern.

"Ein Coup ist die ergänzende 'Schattengalerie' - unauffällige schwarzweiße Reproduktionen ersetzen jene Originale, die durch den Raubzug der Nazis vernichtet wurden; darunter Franz Marcs Meisterwerk 'Turm der blauen Pferde', 1937 beschlagnahmt, 1940 von Göring für seine Sammlung annektiert, seit 1945 verschollen."

Im Berliner "TAGESSPIEGEL" lesen wir, dass unter Direktor Kittelmann auch das Museum selbst, als Ikone der Moderne wieder herausgeputzt wurde.

"Ihm zollt Kittelmann Respekt, wenn er sogar den originalen Teppich für das Foyer aus dem Depot holen und aufarbeiten lässt. Dass van der Rohes Barcelona chairs darauf wie zur Eröffnung von 1968 arrangiert sind, versteht sich fast von selbst."

Verstehen werden sich vermutlich auch Hertha Müller und der chinesische Künstler Ai Weiwei, wenn sie am Donnerstag beim Literaturfestival lit.Cologne in Köln aufeinandertreffen, um über politisches Engagement und Kunst zu diskutieren. Im Interview mit der "FRANKFURTER RUNDSCHAU" verrät Ai Weiwei.

Ich habe zwei Bücher und ihre Nobelpreisrede gelesen - aber nur, weil ich sie treffen werde. Ich bin kein guter Leser und habe kaum Vergleichsmöglichkeiten."

Trotzdem, so der Künstler, der auch einer der populärsten Blogger in China ist, habe er Respekt davor wie hartnäckig und leidenschaftlich Hertha Müller ihre Themen verfolgt.

Bis an ihre eigene Grenze geht seit vielen Jahren die Performancekünstlerin Marina Abramovic. Das New Yorker Museum of Modern Art widmet ihr nun eine Retrospektive. "Der Künstler ist anwesend" heißt sie, und Abramovic erklärt diese Performance in der "ZEIT" so:

"Ich sitze an einem kleinen Tisch, der Stuhl mir gegenüber ist leer, jeder kann sich dort hinsetzen und mir in die Augen schauen, so lang wie er will, drei Minuten oder drei Stunden. Es wird nur den Blick geben. Ich werde nicht reden, ich werde mich nicht bewegen und noch nicht mal aufs Klo gehen."

Und wer dabei an moderne Folter wie in Guantánamo denkt, dem hält Abramovic entgegen:

"Die Menschen in Guantánamo sitzen im Gefängnis, ich handle aus freiem Willen. Es ist wie mit dem Brot. Wer ein Brot in der Bäckerei backt, der ist ein Bäcker. Wer das Brot in einem Museum backt, der ist ein Künstler."

 

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