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FAZIT - KULTURPRESSESCHAU

KULTURPRESSESCHAU

15.03.2010

Von Kolja Mensing

Der "Verband deutscher Schriftsteller" tritt für den Schutz von Urheberrechten ein. Das ist eigentlich keine Nachricht - das ist selbstverständlich. Und trotzdem wird die sogenannte Leipziger Erklärung, die eine ganze Reihe von Schriftstellern und Übersetzern unterzeichnet hat, in allen Feuilletons vermeldet. Im TAGESSPIEGEL reicht es sogar für eine Randspalte: Die Stellungnahme des Verbandes, erklärt Gerrit Bartels, habe nur einen einzigen Zweck: Sie soll dafür sorgen, dass der Preis der Leipziger Buchmesse am Donnerstag auf keinen Fall an Helene Hegemann verliehen werde.

Die junge Autorin hatte mit ihrem Romandebüt "Axolotl Roadkill" eine heftige Debatte um Plagiat und Urheberrecht ausgelöst, und zumindest der TAGESSPIEGEL hat anscheinend Lust auf eine Fortsetzung des Streits: "Es dürfte noch einmal hoch hergehen, sollte die Jury auch aus Trotz gegenüber solch gut gemeinten wie tendenziösen Erklärungen den Preis trotzdem [an Helene Hegemann] verleihen", freut sich Literaturredakteur Bartels.

Ansonsten sieht man der Buchmesse gelassen entgegen. Zumindest das Thema E-Book taugt nach der Euphorie im vergangenen Herbst nicht mehr so richtig als Aufreger.

Philipp Goll hat sich für die TAZ bei deutschen Verlagen umgehört, und seine Bestandsaufnahme fällt bescheiden aus: Mit elektronischen Büchern werde in Deutschland bisher kaum Umsatz gemacht, und in den meisten Verlagen gehe man davon aus, dass sich das in naher Zukunft auch nur im Bereich des Fachbuchs ändern werde.

Die schnöde Gebrauchsliteratur könne man auch digital vermarkten, die schöne Literatur soll dagegen in gedruckter Form weiterhin für "haptisch-sinnliche Erfahrung" sorgen. "Das hört sich kaum nach dem Ende des Buches an", meint Philipp Goll: "Eher zeichnet sich hier ein Kampf um kulturelle Distinktion ab."

Anderswo ist dieser Kampf bereits entschieden. Ausgerechnet im Bereich der klassischen Musik - wo auf die feinen Unterschiede eigentlich viel Wert gelegt wird - setzt sich der digitale Vertrieb immer mehr durch. Das Geschäft mit den Downloads verzeichne in Deutschland Zuwachsraten von 20 bis 30 Prozent, berichtet die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG.

Auch sonst geht es der Branche offenbar glänzend. Die klassische Musik sei der Gewinner der Wirtschaftskrise, fasst Helmut Mauro eine Studie des Internationalen Verbandes der Schallplattenindustrie zusammen: Der Umsatz mit klassischer Musik sei im vergangenen Jahr in Deutschland von 110 auf 119 Millionen Euro gestiegen.

Sogar der Anteil der jüngeren Käufer soll gewachsen sein -und an dieser Stelle bricht bei Mauro doch noch der Kulturpessimismus durch. Die U-30-Käufer würden sich weniger für Haydn, Händel und Mendelssohn interessieren, stellt er bedauernd fest, sondern eher für "chart-kompatible Klassik-Künstler" wie Paul Potts - den "Tenor mit dem Timbre eines Mobil-Anschlusses".

Die deutsche beziehungsweise deutschsprachige Musikkritik wird daran wohl kaum etwas ändern. Eine kleine Stichprobe aus den Feuilletons vom Dienstag zeigt, dass sich an dem seit Jahrzehnten gängigen Sound der emotionalen Überwältigung bis heute nur wenig geändert hat.

Zum Beispiel die FRANKFURTER RUNDSCHAU: "Pure Resignation, langsames Verlöschen" und dazu "in Takt 52 plötzlich ein Hauch von Idealismus", das ist es, was Jürgen Otten hört, wenn die junge Pianistin Alice Sara Ott einen Walzer von Fréderic Chopin spielt. Kritiker Alfred Zimmerlin zeigt sich in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG mal wieder so richtig "bewegt", nachdem Julia Fischer in Zürich Bachs Violinsonaten zum Vortrag gebracht hat, "mit Spannung", so lesen wir, "aber auch mit einer fast heiteren Leichtigkeit", "so intelligent und gleichzeitig so aus dem Moment heraus".

Da ist es doch eine Erleichterung, dass die WELT eine Handvoll neuer Klassik-CDs in Form von Zehn-Zeilen-Texten vorstellt und Manuel Brug sich dementsprechend kurz fassen muss: Über die Solisten einer Aufnahme des Händel-Oratoriums "Israel in Egypt" erfahren wir hier nicht mehr, als dass der Rezensent ihnen "sehr gern zugehört" hat.

Das ist doch konsequent.

 

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