Für die Schnapsidee der Woche war der Schweizer Schriftsteller und Wahl-Engländer Alain de Botton verantwortlich.
Unter dem hämischen Titel "Näher, mein Nichtgott, zu dir!" berichtete die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG von de Bottons Absicht, in London einen Tempel des Atheismus zu errichten, um den Religionen das Privileg auf schöne Architektur zu rauben.
"Ein Entwurf existiert auch schon - ein 46 Meter hoher schwarzer Turm. Innen soll das [ ... ] Gebäude mit Darstellungen der Entwicklung des Lebens ausgekleidet sein und außen mit einem binären Code verziert, der das menschliche Genom repräsentiert. Diese 'ehrfurchtgebietende Architektur' werde den Atheisten helfen, eine 'bessere Perspektive auf ihr Leben einzunehmen', so de Botton"
referierte der SZ-Autor Alexander Menden und ließ den Gottesleugner Richard Dawkins das Urteil über de Bottons Schnapsidee sprechen:
"'Atheisten brauchen keine Tempel.'"
Über den Slogan der Woche informierte in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG Kerstin Holm, die in Moskau auf einer Demonstration ein Anti-Putin-Pappschild entdeckt hatte: "'2000 PutIN, 2012 PutOUT'"
Der Tweet der Woche stammt von der CDU-Bundestagsabgeordneten Erika Steinbach, einst Frontfrau der Vertriebenen.
"'Die Nazis waren eine linke Partei. Vergessen? NationalSOZIALISTISCHE deutsche ARBEITERPARTEI ... .'", twitterte Steinbach.
Woraufhin Halina Wazyniak, die Vizechefin der Links-Partei, zurücktwitterte: "'absolute frechheit! absurd! nix begriffen! ich glaub es hackt!'"
Nachzulesen war der Twitter-Zwist in der FRANKFURTER RUNDSCHAU, die zur Entscheidung der Causa Heinrich August Winkler zitierte. Der Historiker hält die Nazis für "'die rechteste Partei, die es je gegeben hat'".
Was Winklers Kollege Götz Aly wiederum so nicht stehenlassen konnte.
"Wer den 'Befreiungskampf des palästinensischen Volkes' gerecht und links findet, wird in der Nazi-Welt Geistesverwandte treffen. [ ... ] Nicht wenige Deutsche identifizieren Rechts mit Böse und Links mit Gut. Ihrem geschichtlichen Durchblick hilft das nicht",
polemisierte Aly in der BERLINER ZEITUNG.
Geschichtlichen Durchblick im Medium der Malerei zu gewähren, ist eine Spezialität von Gerhard Richter, dem Geburtstagskind der Woche, nun 80 Jahre alt.
"Als Maler maximus gilt er: als Deutschlands größter, vielseitigster, teuerster und scheuester. Darunter geht es nicht, wenn von Gerhard Richter die Rede ist",
zollte Nicola Kuhn im Berliner TAGESSPIEGEL höchsten Respekt. Und nicht weniger Ralf Hanselle in der TAGESZEITUNG:
"Alles, was man über Gerhard Richter sagt, stimmt. Aber garantiert stimmt auch das Gegenteil. Der Künstler [ ... ] malt seit mehr als einem halben Jahrhundert Bilder und Bilderverbote, ist Ja- und Neinsager, ist der Malerei Anfang und Ende."
In der Wochenzeitung DIE ZEIT frage Hanno Rauterberg:
"Mit 80 Jahren ist Gerhard Richter so erfolgreich wie kein anderer Maler. Warum bloß?"
Seine überzeugende Antwort:
"[Richters] Motive sind meist belanglos, in ihrer Banalität dem Alltag nahe. Auch in den Gefühlswerten dieser Bilder kann sich die Gegenwart erkennen, in ihrer Beherrschtheit und Ruhe. Doch gelingt es Richters Kunst, uns das Vertraute und Gewöhnlich zu entrücken. 'Die Welt als Widerfahrnis' [ ... ] erscheint bei ihm nicht länger bedrohlich. Er versöhnt die Gegenwart mit sich selbst. Und dass die Gegenwart ihn dafür liebt, wen sollte das wundern?"
Indessen starb hoch betagt der katalanische Maler und Bildhauer Antoni Tapies, seit 2010 Marqués de Tapies.
Ihren "Abschied vom Sandmann" nahm in der Tageszeitung DIE WELT Sarah Elsing:
"Für Tàpies war der künstlerische Prozess wie Meditation. Darum zog er sich zurück - in die Literatur, in die Philosophie, in die Stille der katalanischen Berge. Er wollte sein Innerstes finden, um es durch die Kunst wieder nach Außen zu kehren."
Unter dem Titel "Das Lied der Erde" trauerte Samuel Herzog in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG:
"Natürlich gibt es die Meister [ ... ] der seidigen Oberflächen - ihre Werke möchte man anfassen, weil man sich ein erotisches Erlebnis auf der Haut verspricht, Elektrisierendes für die Lebenslinien. Bei Tàpies ist das ganz anders: Man möchte mit den Fingern über seine Bilder fahren, um sie mehr oder anders zu verstehen. So wie man über ein Gesicht fährt, dem die Tränen über die Wangen laufen - man möchte die Traurigkeit, die Enttäuschung, die Sprachlosigkeit des Gegenübers im wahrsten Sinne des Wortes begreifen."
Je länger die Woche dauerte, desto dominanter wurde die Berlinale, deren Bedeutungsverlust WELT-Autor Hanns-Georg Rodek gleichwohl beklagte:
"'Die eiserne Lady' [von Phyllida Lloyd] wäre ein idealer Wettbewerbsfilm gewesen, aber er musste vor Jahresende 2011 in die US-Kinos, damit Meryl Streep oscarnominiert werden konnte. Berlin bleiben die eisernen Sägespäne."
Über den Eröffnungsfilm "Lebewohl meine Königin" lästerte Jan Schulz-Ojala im TAGESSPEIGEL:
"Er gefällt sich mit blinkenden Oberflächen und schminkt sich die vage politische Botschaft bloß über. Und passt wohl gerade deshalb zu manchen Malaisen der Berlinale."
FAZ-Autorin Verena Lueken fand "Lebewohl meine Königin" dagegen prima: "Ein guter Anfang."
Womit wir am Ende sind und für das nächste Mal mit dem Appell verbleiben, den die FR dem Vorabend-Quotenkiller Thomas Gottschalk untergeschoben hat: "Schalt! Mich! Ein!"
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Beiträge zum Nachhören
Fazit
Kulturpresseschau 21.05.2012
Sendezeit: 21.05.2012, 23:53
Zum Tod von Robin Gibb
Sendezeit: 21.05.2012, 23:42
Theaterwerkstatt Hannover "Theatertreffen des Arabischen Frühlings" 19.-24.05.1
Sendezeit: 21.05.2012, 23:36
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