Am Anfang der Woche ging die FRANKFURTER RUNDSCHAU aufs Ganze und warf eine der Hauptfragen der Gegenwart auf: "Was fasziniert an Fußball?"
Der Münchener Soziologe Armin Nassehi berief sich auf das unvergängliche Philosophem des BVB-Spielers Adi Preißler aus den 50er Jahren - "'entscheidend ist auf'm Platz'" - und erklärte:
"Der Sport versorgt uns in Echtzeit mit einer Form von Unbestimmtheit, die nicht inszeniert werden kann, sondern wirklich unbestimmt ist, aber zu [ ... ] eindeutigen Ergebnissen kommt. Wäre das Champion's League-Finale [ ... ] mit Didier Drogbas Tor in der letzten Minute und mit dem verschossenen Elfmeter von Bastian Schweinsteiger von einem Erzähler [ ... ] entworfen worden, hätte es sich um ein lächerliches Stück Trivialliteratur gehandelt. Im Sport aber kann, ja muss genau das passieren, weil es nur passieren kann. Es kann nicht geplant oder inszeniert werden. Das macht das Attraktive aus."
So FR-Autor Nassehi in seiner ganzseitigen Analyse, die indessen den Makel aller geistvollen Fußballfaszinationserklärungen hatte: Sie kommen über Preißlers "entscheidend ist auf'm Platz" im Grunde nicht hinaus.
Über seine Vorurteile nicht hinaus kommt Ulf Poschardt, der ja immer an der Wirklichkeit leidet, sofern sie nicht so porschemäßig eingerichtet ist wie sein eigenes Dasein. Dieses Mal traf Poschardts Verdammung Berlin:
"Zögerlich, autistisch, überfordert von den kleinsten Problemen des Alltags zuckelt der Berliner durch seinen Kiez und reagiert gereizt und aggressiv auf alle, denen Lebens- wie Arbeitszeit kostbar sind. Es gibt wohl keine Metropole von Rang, in der die Langsameren den Überholenden mit der Lichthupe ihren Unmut kundtun. Das geht sonst anders rum. Warum sie das tun? Weil sich die Kriechenden in ihrer Schlaffheit gestört fühlen. Wer es in Berlin eilig hat, stört in der Regel."
So Ulf Poschardt in der Tageszeitung DIE WELT.
Da wir selbst Berliner mit Wohnsitz im agilen, forschen und lösungsorientierten Nord-Neukölln sind, möchten wir Poschardt hier grüßen und sagen:
Lieber Ulfi, vielleicht ist Berlin die einzige Metropole von Rang, in der man derartig neurotischen Unfug schreiben und trotzdem als Journalist gelten kann. -
Aber lassen wir das. In den Feuilletons wurden auch echte Problemzonen behandelt - zum Beispiel die Demokratie:
"Die Demokratie befindet sich in der Krise? Natürlich, wo sollte sie sich auch sonst befinden!?" begann ein Artikel von Christoph Möllers in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG.
"Vielleicht zeigen sich die Stärken der Demokratie heute an ganz unerwarteten Stellen. Nicht an der lustlosen Art und Weise, in der viele Menschen eine Ordnung als selbstverständlich betrachten, die sie doch recht gut 'bedient'. Eher schon an der Mühe, die sich autoritäre Regime geben müssen, um Demokratisierungsbemühungen zu verhindern. Solange weltweit in die Unterdrückung freier Kommunikation und die Verhinderung von Aufständen investiert wird, handelt es sich bei der Demokratie um ein höchst lebendiges politisches Projekt",
argumentierte, pfiffig wie immer, Möllers in der NZZ.
Folgt man Wladimir Putin, ist auch Russland eine Demokratie. Zum Beweis hat der Präsident jüngst die massiven Anti-Putin-Demonstrationen angeführt.
Zu einer anderen Einschätzung des Putin-Regimes kam der Schrifsteller Viktor Jerofejew in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG:
"Es ist ein System zum Verrücktwerden. Verbindend bleiben der Argwohn und das Misstrauen. [ ... ] Du gehst in Moskau eine Straße entlang - überall unausgeschlafene Leute. Niemand lächelt. Und trotzdem rollen die Murmeln in eine Richtung es ändert sich etwas. Wir alle rutschen Richtung Revolution."
Als Konterrevolution könnte man bezeichnen, was in den USA derweil die Republikaner anstellen.
"Gegen [Barack] Obama steht der Versuch der [Republikaner], mit einer Mischung aus rassistischen und kulturellen Ressentiment und handfesten finanziellen Interessen das Prinzip der Republik als einer politischen Gemeinschaft von Bürgern gleicher Rechte und Pflichten zu ersetzen durch eine finanzielle Oligarchie, die unter sich feiert und überall zu Hause ist, wo die Steuern niedrig und die Sicherheitsdienste robust und willig sind. Das geht uns alle an",
konstatierte Nils Minkmaar in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG.
Der Zustand der Welt ist also mal wieder - um es mit einer FR-Überschrift zu sagen - "nicht lustig". Und genauso wenig sind es die Comics, wie FR-Autor Jens Balzer beim Erlanger Comic-Salon auffiel:
"Zum vorherrschenden Ton gerade auch in der deutschen Comic-Szene ist der Ton der politischen Seriosität [ ... ] geworden. Ausführlich werden in düsteren Bildern Kindheitserinnerungen aus der DDR, chronischen Krankheiten [ ... ] oder der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan zum Gegenstand von Comic-Erzählungen gemacht. Die Leichtigkeit und der Unernst, der - auch avantgardistische! - Comics einst prägte, sind weithin verloren",
beklagte Jens Balzer und forderte einen "Comical Turn":
"Wir brauchen wieder mehr Gags! Mehr Knollennasen! Und ganz wichtig: mehr sprechende Tiere!"
Unaufhaltsam lief die vergangene Woche auf den "Bloomsday" zu, wie der 16. Juni unter Freunden von James Joyce' "Ulysses" genannt wird, dem Roman, in dem Leopold Bloom an besagtem Tag des Jahres 1904 tausend Seiten lang durch Dublin streift.
Dass Klaus Buhlert den "Ulysses" mit Manfred Zapatka, Birgit Minichmayr, Josef Bierbichler und anderen Stimmen-Stars nun akustisch inszeniert hat, feierte FAZ-Autor Wolfgang Schneider als "das größte Hörspiel-Wagnis aller Zeiten" - und resümierte, sicher zur Erleichterung aller Joyce-Drückeberger:
"Man muss den 'Ulysses' vielleicht nicht lesen, aber man sollte ihn unbedingt hören." -
Wir wären nun durchaus fähig, den Tod der Psychoanalytikerin Margret Mitscherlich zu betrauern. Allein, unsere Zeit ist für heute um - so wie die ihre hienieden für immer.
Darum, liebe Margret Mitscherlich, hören Sie bitte zu, falls das gerade geht. Laut WELT-Autor Thomas Schmidt wird eines für immer mit Ihrem Namen verbunden bleiben. Es ist:
"Der helle Klang des Wortes Emanzipation."
Mehr zur Sendung:
Beiträge zum Nachhören
Fazit
Kulturpresseschau - Aus den Feuilletons
Sendezeit: 18.06.2013, 23:52
Jules Massenets "Cléopâtre" wird in der Kulturhauptstadt Marseille aufgeführt
Sendezeit: 18.06.2013, 23:44
Andrei Marga hat das Rumänische Kulturinstitut nach nur neun Monaten verlassen
Sendezeit: 18.06.2013, 23:34
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