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FAZIT - KULTURPRESSESCHAU

KULTURPRESSESCHAU

31.08.2012

Von Maximilian Steinbeis

"Die dreijährige Tochter einer Freundin reimte: Pimmel und Möse / Das gibt ein Getöse: Das enthält in einer Nussschale alles, was in Literatur und
Kunst dazu gesagt wurde."
So beantwortet in der TAZ die Kulturwissenschaftlerin und Gender-Forscherin Christina von Braun die Frage, was ihr zum Thema Sex einfalle. Mit diesem heiteren Reim wollen wir die heutige Presseschau beginnen, denn der Rest wird nicht mehr so lustig: Um Israelkritik und Antisemitismus wird es gehen, um Greise, die sich selbst im Spiegel betrachten, und um den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf.

Beginnen wir mit Israel. Judith Butler soll den Adorno-Preis kriegen, und der Zentralrat der Juden ist wütend dagegen: Die Philosophin disqualifiziere sich als "bekennende Israel-Hasserin" und Unterstützerin von Hisbollah und Hamas. Stimmt gar nicht, stellt Judith Butler in einer bemerkenswert nachdenklichen und gelassenen Stellungnahme in der FRANKFURTER RUNDSCHAU klar: Sie habe lediglich die Frage bejaht, ob Hamas und Hisbollah Teil der globalen Linken seien.

"Ich vermute einmal,"' so Judith Butler, "dass selbst die Israelische Armee versucht, diese Organisationen politisch einzuordnen, um sich im Kampf gegen sie Vorteile zu verschaffen." Dass sich Antisemitismus häufig als Israelkritik tarnt, auch als links-antiimperialistische, ist der jüdischen Wissenschaftlerin nur zu bekannt: "Aber sollten wir deswegen schweigen?" Nein, so ihre Antwort, und wenn die Deutschen dieser Streit zwischen Juden und Juden schockiere, sollten sie sich klarmachen, "dass bei fast jedem jüdischen Abendessen ein Streit ausbricht über die israelische Politik; übrigens in den USA genauso wie in Israel."

Gestritten wird in den USA noch über ganz andere Dinge in diesen Tagen, nämlich über die Macht im Lande. Im Präsidentschaftswahlkampf, so heißt es, gewinnt derjenige, der die bessere Geschichte zu erzählen hat, und deshalb hat die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG den Drehbuch-Guru Robert McKee um ein Urteil gebeten. "Obamas Story", so McKee, ähnle "einer Art Krankenhausserie für unser kränkelndes Land ( ... ): 'Alles wird gut. Leise aber effizient geben wir unser Bestes. Das Land wird sich langsam erholen und wir sollten jetzt keine radikalen Maßnahmen vornehmen, um den komplizierten Heilungsprozess zu stören.' So spricht ein Arzt mit dem Patienten und seinen Angehörigen." Mitt Romneys Geschichte klinge dagegen "wie eine Traumsequenz aus einem Fantasyfilm." Ihre Helden sind "Unternehmer im Allgemeinen und Romney im Speziellen."

Diesen Plot hält der Drehbuch-Spezialist für eher schwach. Aber "auf der anderen Seite haben Wähler sich auch schon von schlimmeren Illusionen begeistern lassen."

Bleiben wir bei der SÜDDEUTSCHEN, deren Feuilletonchef Thomas Steinfeld zu den größten Fans des Schriftstellers Georg Klein gehört. Der wird nächstes Jahr 60 und hat für die SZ einen ungeheuer eindringlichen Essay mit dem Titel "Der verwilderte Greis" geschrieben. "Wie alt wir doch sind!, staunt der Schriftsteller gleich im allerersten Satz. Fragonards kleines Bild eines lesenden alten Mannes aus der Hamburger Kunsthalle hat Klein animiert, über den Zustand der "Greisenverfasstheit" nachzudenken, über das eigene Gesicht im Badezimmerspiegel in ein, zwei Jahrzehnten: "Das Knochige, das Fett und Muskeln noch einigermaßen tarnen, wird schroffer hervortreten. An die Stelle von Glätte und Glanz treten vollends Gräue, Fahlheit und Schlaffheit." Wohin blickt der Greis auf dem Fragonard-Gemälde? "Durch die Zeilen irrend, ja halb irr geworden, weiß dieser Greis vielleicht schon nicht mehr, was er da eigentlich liest. Es könnte zuguterletzt, zu schlimmerletzt, sein eigener Text sein," dessen "Name" und "Heilsversprechen ihm vielleicht eben jetzt ( ... ) für immer entfallen," der "weiße Dämon," der "seinen verzweifelt hitzigen Greisenblick in Helligkeit einfriert - der Vorschatten unserer Demenz."

Gottlob hat die TAZ Christina von Braun auch gefragt, was ihr zum Stichwort Alter einfällt, und so brauchen wir diese Presseschau nicht ungetröstet zu beschließen: "Was mich am meisten daran ärgert, ist, nicht zu erfahren, wie es später weitergeht - mit dem Klimawandel, der Weltwährung, Europa. Vielleicht erlöst einen die Nähe des Todes aber auch davon, all dies noch wissen zu wollen."

 

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