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FAZIT - KULTURPRESSESCHAU

KULTURPRESSESCHAU

03.09.2012

Von Tobias Wenzel

Stellen wir uns mal vor: Ein Deutscher gründet im Internet eine Gruppe mit dem Namen "Wir haben keine Lust mehr auf diese Merkel!". An einem Morgen klingelt es an seiner Haustür. Und da steht dann eine dem Innenministerium unterstellte Spezialeinheit, die sich nicht ausweist und den Merkel-Kritiker zu Beamten des Geheimdienstes mitnimmt, die ihn dann fast einen ganzen Tag lang verhören. Währenddessen besuchen weitere Geheimdienstmitarbeiter andere Mitglieder der Gruppe "Wir haben keine Lust mehr auf diese Merkel!", beschlagnahmen Computer, verhaften, teilen Schläge aus.

Es ist unvorstellbar. In Deutschland. Aber nicht in Weißrussland, wie Ingo Petz in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG berichtet. Dort haben sich Menschen über das Internet organisiert, um gegen den Präsidenten Lukaschenko zu protestieren. Und der scheint die Gruppe "Wir haben keine Lust mehr auf diesen Lukaschenko!" und überhaupt soziale Netzwerke zu fürchten. Der KGB fahndet. Im Namen des Präsidenten.

Darf man denn als Diktator nicht mal ein bisschen Respekt und Liebe verlangen? So wie Sun Myung Moon sie erfahren hat? Der koreanische Sektenführer starb an diesem Montag im Alter von 92 Jahren. Willi Winkler kann über diesen Toten dann doch nicht nur Gutes sagen. In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG zitiert er einen Auszug aus Don DeLillos Roman "Mao II". Dort wird eine jener Massenhochzeiten geschildert, die den Sektenführer berühmt machten:

"Die seligen Paare essen Säuglingsnahrung und reden sich mit Babynamen an, weil sie sich in seiner Gegenwart so klein fühlen."

Da ist es dann zweitrangig, dass oft Menschen heirateten, die sich vorher gar nicht kannten. Der Tod des selbsternannten "Retters der Menschheit", der Jesus vorwarf, "sich vor der Kreuzigung nicht noch rechtzeitig" fortgepflanzt zu haben, und "zum Ausgleich" selbst "wenigstens 15 Kinder" in die Welt setzte, scheint Willi Winkler von der "SZ" nicht gerade in eine tiefe Lebenskrise zu stürzen. Vergleicht der doch die Massenhochzeiten unter Sun Myung Moon "mit den maoistischen Triumphzügen der 'Roten Garden'". Nur die Ironie bleibt dem Autor als Rettung vor dem "Retter der Menschheit":

"Für die Menschheit wird es schwer ohne ihn, aber versuchen sollte sie es doch."

Besser hätte man auch keinen Sektenführer beleuchten können als Richard David Precht. Denkt man, wenn man das große Foto auf der Medien-Seite der "SZ" betrachtet: 15 Lampen schweben über den Köpfen von Richard David Precht und Hirnforscher Gerald Hüther. "Ja, und was hat das alles mit Philosophie zu tun?", fragt Hilmar Klute mit Blick auf die Premiere von "Precht", der ZDF-Sendung, die nun das "Philosophische Quartett" ersetzt. Antwort: "Nichts natürlich."

Klute hat im Gespräch von Richard David Precht mit dessen Gast, dem erwähnten Neurologen, nicht mehr gesehen als "ein sanftes Affirmations-Theater, bei dem nur noch fehlte, dass der eine die Hand auf die des anderen legt". Barbara Sichtermann vom TAGESSPIEGEL kam die Premierensendung zum Thema "Skandal Schule - Macht Lernen dumm?" "steif und belehrend" vor:

"Ganz so, wie die beiden die Schule erlebten und - mit Recht! - zum Teufel gewünscht haben."

Dirk Pilz von der FRANKFURTER RUNDSCHAU scheint Precht eigentlich zu mögen, ist aber von der neuen Sendung derart enttäuscht, dass er hofft, dies sei gar nicht der echte Precht gewesen, sondern nur "ein schlechter Precht-Darsteller".

Hunde hätten die Sendung wohl nicht so kritisch gesehen wie die Feuilletonisten. Vielleicht wären sie einfach nur eingeschlummert. Beruhigung ist einer der Effekte, die "Dog TV" erreichen möchte, der erste Fernsehsender für Hunde als Zuschauer. Premiere hatte er kürzlich im Kabelnetz des kalifornischen San Diego. Die FAZ gratuliert mit einer Glosse. Aufnahmen von Ballspielen sollen den Zuschauer Hund animieren, Bilder von Autofahrten durch Landschaften ihm das Gefühl vermitteln, auch am Leben draußen teilzunehmen. Wenn doch Herrchen und Frauchen keine Zeit mehr haben, um Gassi zu gehen.

 

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