Beginnen wir mit dem Hauptproblem, beginnen wir mit Europa! Und hören wir zunächst den Schriftsteller Robert Menasse, dessen Eröffnungsrede zum "M100 Sanssouci Colloquium" die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG nachgedruckt hat.
"Es kann auf Dauer kein supranationales Europa auf der Basis nationaler Demokratien geben [so Menasse]. Wir müssen Demokratie neu erfinden, wir müssen eine supranationale Demokratie entwickeln, wir glauben bloß, dass das nicht notwendig ist, weil wir ja 'unsere Demokratie' haben - und nicht gelernt haben, so wie die Gründerväter Europas […] über Epochen hinaus zu denken. […] Ich habe eine frohe Botschaft für Sie! Im Grunde ist die Lösung schon im Europäischen Verfassungsvertrag festgeschrieben: in der Formulierung 'Europa der Regionen'. Die Regionen sind der Reichtum dieses Kontinents, die Nationen aber sind historisch erschöpfte Identitätsphantasien und die notwendig zu überwindende Bedrohung."
Soweit Robert Menasse.
Nicht weniger fulminant entgegnete am nächsten Tag Kurt Kister, der Chefredakteur der SZ:
"Die Balkankriege […] waren die Kriege von jugoslawischen Regionen untereinander; vom Baskenland über Korsika bis nach Nordirland und weit in den Osten an Moldau und Weichsel verbindet man mit dem Begriff 'Region' nicht urdemokratisches Ich-liebe-alle-Menschen-die-Trachten-tragen-Tandaradei, sondern sehr oft misstrauischen Provinzialismus, wenn nicht Fremdenfeindlichkeit. Auch aufgeklärte Österreicher, zu denen Menasse zu zählen ist, könnten ein Lied über regionalen Dumpfsinn in Kärnten oder anderswo singen. […] Übrigens ist es ein sich leider ausbreitender Humbug, die Politik von Nationalstaaten mit Nationalismus gleichzusetzen. Gerade die Staaten des realen Europa haben über Jahrhunderte aufs blutigste vorexerziert, was Nationalismus wirklich ist",
ereiferte sich Kurt Kister.
Wenn es aber die Regionen nicht sind, auf die sich Europa gründen kann - ist es dann die Kultur?
Eben das hatte Martin Walser in einem von Hölderlin-Versen geweihten Essay in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG behauptet. Nun wurde Walser von Otmar Issing, ehemals Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank, spöttisch zurechtgewiesen.
"Sind Homer und Sophokles ein Argument für das Verbleiben Griechenlands im Euroraum? Ist etwa Shakespeare ein Grund, dass Großbritannien dem Euro beitreten sollte? Analogien wie die des damaligen portugiesischen Ministerpräsidenten Antonio Guiterres im Jahre 1995, wir sollten unser Europa auf dem Euro bauen wie Christus seine Kirche auf dem Felsen Petri, klangen schon seinerzeit unfreiwillig komisch. Man kann es drehen und wenden, wie man will. Von der Kultur führt keine Brücke zu europäischer Staatlichkeit und schon gar nicht zum Euro. Das kulturelle Erbe führt eher zu entgegengesetzten Schlüssen. […] Es war gerade der von Intellektuellen gern geschmähte Wettbewerb, der die kulturellen Höhepunkte emporwachsen ließ. Kann es überraschen, wenn dies auch für den wirtschaftlichen Aufstieg Europas gilt?"
fragte Otmar Issing in der FAZ.
So viel zu Europa. Nun erst mal ein bisschen Musik.
Erwartungsgemäß bejubelt wurde "Tempest", das neue Album von Bob Dylan.
"Der Weltgeist spricht in Liedern, Dylan aber ist sein Prophet. […] Wie alle späten Dylan-Alben ist auch Tempest Ab- und Umschrift, nur noch roher, noch archaischer, noch wuchtiger. Eine Ballade wie Tin Angel über sieben Minuten auf einem einzigen Mollakkord zu halten, ohne dabei zu langweilen, das kann nur ein Meister. Es ist, als sähe man Picasso dabei zu, wie er ein Strichmännchen malt"
begeisterte sich Thomas Gross in der Wochenzeitung DIE ZEIT.
In vergleichbar gute Laune geriet SZ-Autor Hilmar Klute nach dem Konzert von Leonard Cohen in der Berliner Waldbühne.
"Leonard Cohen macht seit vier Jahren die Grand Tour des erfolgreichen Purgatoriums-Absolventen - er ist durchs Fegefeuer gegangen, hat die Religionen und die Ideologien, die Frauen und Städte durchprobiert und im Pfandleihhaus der elenden Welt am Schluss vielleicht seine schönste Maske gefunden: die des alten Mannes, der ganz leicht und beinahe glücklich auf die Bühnen dieser Welt schlendert, der seine wunderbaren Lieder am liebsten auf Knien zelebriert; und für den sich Menschen, die nichts weiter bei sich haben als Wolfskin-Jacken, Sitzkissen und Tupperware-Dosen drei Stunden lang in der Berliner Waldbühne den Arsch abfrieren."
Ein Stück für kein Piano, nämlich die 1952 urauf- oder besser ur-unaufgeführte Generalpause namens "4'33''" hat John Cage berühmt gemacht. Zum 100. Geburtstag feierte ihn die WELT als "Konstrukteur des Zufalls" und erinnerte daran, dass es damals gar nicht so leise zuging.
"Gehüstel, Gerücke, Türenschlagen. Seit Menschengedenken sind noch niemals vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden ohne Geräusche vergangen. Und vielleicht wüssten wir gar nicht, was ein Geräusch ist, wenn John Cage nicht das vergebliche Schweigenhören komponiert hätte"
grübelte WELT-Autor Hans-Joachim Müller.
Aus der hörbaren Cageschen Stille zum unüberhörbaren Lärm um Judith Butler.
Dass die amerikanische Philosophin für den Adorno-Preis der Stadt Frankfurt auserkoren wurde, findet Stephan J. Kramer, der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, völlig unpassend - und erst recht Butlers Behauptung, sie habe mit der Zurechnung von Hamas und Hisbollah zur globalen Linken besagte Gruppen keineswegs unterstützt.
"Das ist, mit Verlaub, unglaubwürdig [wetterte Kramer in der FRANKFURTER RUNDSCHAU]. Es dürfte jedem Beobachter klar sein, dass die Begriffe 'Teil der globalen Linken', 'soziale Bewegungen' und 'progressiv' aus dem Munde eines Menschen wie Judith Butler positiv wertend gemeint sind […]. Die Erklärung, damit gehe keine Sympathie einher, ist scheinheilig."
Einerseits sind wir unglücklich, weil wir mit Blick auf die Uhr nun keine Gegenstimme mehr präsentieren können. Andererseits - egal! Titelte doch die ZEIT:
"Glück wird überschätzt."
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Fazit
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