Ein paar Tage vor Toresschluss, und wir wissen immer noch nicht recht, was von der Documenta eigentlich zu halten ist. Da wir uns das eigentlich nicht laut zu sagen trauen, kommt ein Artikel von Jörg Heiser in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG gerade recht, der schon in den ersten Zeilen ein
"Gefühl der Erschöpfung"
konstatiert, beziehungsweise ein Gefühl,
"nur Bruchstücke mitbekommen zu haben."
Das liegt, sagt uns Jörg Heiser, nicht nur an uns, sondern
"es ist eindeutig schwieriger geworden, sich zum gigantomanisch Gezeigten eine dezidierte Meinung zu bilden, die über Ressentiments und fragmentarische Eindrücke hinausgeht."
Wir aber, die wir Ressentiments und fragmentarische Eindrücke endlich mal hinter uns lassen wollten, sind dankbar zu erfahren, woher dieses Völlegefühl kommt - nicht nur auf der Documenta, sondern auch bei vielen anderen Mega-Kunst-Events wie der Manifesta im begischen Genk oder der Pariser Triennale.
Es kommt daher, dass die Kuratoren von der Angst des Verpassens besessen sind.
"Für jeden Künstler, auf dessen Homepage Sie bei ihren Internet-Recherchen stoßen, könnten Sie gerade zehn andere übersehen haben,"
schreibt Heiser. Daher die Neigung, immer noch draufzusatteln, wenn das Budget es erlaubt.
"Doch indem die Mega-Ausstellung die Künstler beinahe notgedrungen gegeneinander ausspielt und ihre Zuschauer erschöpft, erschöpft sie sich zugleich selbst."
Denn einerseits suggeriert sie uns, dass wir sie nur als Ganzes wirklich begreifen, andererseits aber macht sie gerade das unmöglich, indem sie uns als Betrachter konstitutiv überfordert - nicht durch zu anspruchsvolle Kunst, sondern durch zu umfangreiches Pensum.
Vielleicht gilt das mutatis mutandis auch für die gegenwärtige Politik?
Keiner begreift die Lage als Ganze: die Staatsschulden, die Währungsunion, die Finanzmärkte, die europäische Geschichte. Die Regierenden erscheinen ebenfalls konstitutiv überfordert. In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG versucht der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin Andreas Wirsching,
"die gegenwärtige Debatte in eine historische Perspektive zu setzen,"
hat aber vor allem Altbekanntes plus eine Menge Plattitüden zu bieten. Dass die Entstehung der europäischen Währungsunion und die Preisgabe der D-Mark mit der Zustimmung der Alliierten zur deutschen Wiedervereinigung eng verknüpft waren, weiß ja nun jedes Kind. Und auch Wirschings Satz:
"Die deutschen Konditionen der Währungsunion sind - dies muss eingestanden werden - von den europäischen Partnern nicht dauerhaft akzeptiert worden."
¬Auch dieser Satz ist eine Banalität.
Aber dann kommt es dicke. Der Geschichtsprofessor postuliert ein neues Gesetz der europäischen Entwicklung, nämlich die Logik der historischen Pfad-Abhängigkeit.
"Vom einmal eingeschlagenen Pfad abzuweichen, ist angesichts der Folgekosten und des erheblichen Legitimitätsverlustes grundsätzlich nicht mehr möglich."
Heißt es da wörtlich in der FAZ. Also hat sich endlich ein Historiker gefunden, der die Alternativlosigkeit unserer Kanzlerin wissenschaftlich untermauert und der es sogar für möglich hält, dass die derzeitigen Verstöße gegen die finanzpolitische Vernunft ein - wie er sich ausdrückt -
"gleichsam paradoxes Resultat"
bewirken, nämlich die Schaffung von Vertrauen und die Stärkung des europäischen Zusammenhalts.
Ungefähr auf demselben analytischen Niveau liegen die Äußerungen des amerikanischen Soziologen Richard Sennett, der von der FRANKFURTER RUNDSCHAU interviewt wurde. Auf einer Doppelseite gibt er drei Appelle von sich: Erstens,
"dass die Länder der Euro-Zone nicht auseinanderfallen dürfen"
zweitens
"Europa würde zerstört, wenn der Euro zusammenbricht"
und drittens
"Wir müssen Europa zusammenhalten, das ist das Erfordernis der Stunde."
Begründungen, Belege, Argumente? Fehlanzeige. Dafür eine rührende Frage des Interviewers:
"Ist der Kapitalismus noch das richtige System oder müssen wir andere Wege einschlagen?"
Darauf hat der altlinke Soziologe Sennett eine geradezu abgeklärte Antwort:
"Niemand glaubt ernsthaft an die Möglichkeit einer Revolution. Ich gewiss nicht. 1917 wird sich nicht wiederholen."
Aber wer weiß schon, ob das nach ein paar Jahren ESM noch stimmt…
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Fazit
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