Die Stilblüten-Lese übernimmt heute Joachim Jung.
Der Autor des Berliner TAGESSPIEGEL hat nämlich "Momentum" gelesen, das neue Werk von Roger Willemsen.
Es enthält laut Jung
"über Jahre zusammengetragene Entdeckungen, Reflexionen, Dialoge, Fantasien, Begegnungen und, durchaus eine eigene Kategorie, Begegnungen mit Frauen".
Jung gönnt sich unter der Überschrift
"Die aperolfarbene Welt"
den Hauptspaß fieser Rezensenten: Er überlässt es dem Autor, sich selbst zu desavouieren.
Da wäre zum Beispiel folgender Willemsenscher Kollaps von Tiefsinn:
"Dieses Strotzen vor Vitalität, dieses Bersten des Bildes ist der Moment, da es sich selbst überschreitet und Inbegriff wird."
Oder der hier: Für Willemsen erscheint eine bestimmte Frau als
"ein stattlicher Pfau, der sich im Innehalten die eigene Hand küssen wird".
Was wirklich grober metaphorischer Unfug ist und auch nicht gefügiger würde, wenn Willemsens Frau-Pfau ihr eigenes Rad küsste.
Um indessen fair zu bleiben: Jung hat in "Momentum" auch viel Hübsches gefunden. Worauf wir aber nicht eingehen ...
Sondern auf "Die narzisstische Gesellschaft" verweisen, das Buch von Hans-Joachim Maaz, das die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG bespricht.
Folgt man Rezensent Joachim Güntner, sieht der Psychiater Maaz im Narzissmus den
"Schlüsselbegriff der Erklärung nahezu aller Leiden, Defekte und Grausamkeiten, von der Drogensucht bis zum Holocaust."
Wenn das so wäre - wäre dann auch die gewalttätige Eingeschnapptheit vieler Muslime angesichts des dümmlichen Mohammed-Videos als gekränkter Narzissmus zu verstehen?
Die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer bietet im TAGESSPIEGEL eine simplere Erklärung:
"Angriffe auf den Islam werden von den meisten als das verstanden, was dieses Video ['Die Unschuld der Muslime'] bezweckt: als gezielte Provokation und Verletzung. Muslime sind da weniger abgebrüht und 'tolerant' als die Mehrheit der Deutschen. Das ist ihr gutes Recht."
Bezeichnenderweise sehen das die ägyptischen Behörden - zumindest mit Blick auf die Ausschreitungen - etwas anders.
Sie lassen laut FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG
"keinen Zweifel daran, dass sie eine Wiederholung der jüngsten gewalttätigen Proteste gegen den Schmähfilm (... ) nicht dulden werden. Mehr als hundert Demonstranten, die wegen der Ausschreitungen vor der amerikanischen Botschaft in Kairo verhaftet ( ... ) wurden, sollen bald vor Gericht gestellt werden."
Keineswegs vor Gericht gestellt, aber - so die Tageszeitung DIE WELT - "de facto exkommuniziert" werden Katholiken, die aus der Kirche austreten.
Die deutsche Bischofskonferenz hat ein "Allgemeines Dekret" entlassen und betont:
"Die Erklärung des Kirchenaustritts vor der zuständigen zivilen Behörde stellt als öffentlicher Akt eine willentliche und wissentliche Distanzierung von der Kirche dar und ist eine schwere Verfehlung gegenüber der kirchlichen Gemeinschaft. "
WELT-Autor Lucas Wiegelmann äußerst Verständnis für die De-facto-Exkommunikation. Andererseits glaubt er, dass die Bischöfe "ein hohes Risiko eingehen":
"[Und zwar] Das Risiko, als unbarmherzig und unnachgiebig zu gelten, als sanktionsfreudig und als geldgierig. Damit vergrößern sie ungewollt auch die Gefahr, dass manche Unentschlossene sich endgültig abwenden. Und die jahrhundertealte Streitfrage, wer denn nun eigentlich zur Kirche gehört und wer nicht, auf ihre persönliche Art beantworten: Ich nicht."
In den USA erlebt Präsidentschaftskandidat Mitt Romney gerade etwas anderes. Obwohl er eine Politik für die Besitzenden ankündigt, wollen viele Ärmere die Republikaner wählen.
Weshalb die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG den Moralpsychologen Jonathan Haidt fragt, ob die Ratio in der Politik denn gar keine Rolle spiele.
"Ich habe versucht, ein einfaches Bild zu finden und bin auf den Elefanten und den Reiter gekommen [antwortet Haidt]. Unser Bewusstsein ist der Reiter, alles andere ist der Elefant. Bewusstsein macht aber lediglich 2 Prozent unseres Selbst aus, der Elefant sind die restlichen 98 Prozent - das Unbewusste, die Emotionen und vor allem die Moral."
Soviel zu uns Elefanten, liebe Hörer. Falls Sie das Wochenende herbei sehnen, aber noch die Mühen des Freitags fürchten, rufen wir Ihnen mit der SZ zu:
"Kragen hoch und durch."
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Fazit
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