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FAZIT - KULTURPRESSESCHAU

KULTURPRESSESCHAU

21.09.2012

Von Maximilian Steinbeis

Der Bücherherbst, er naht beziehungsweise ist längst da, wie der Blick in die TAZ beweist: Dort unternimmt Dirk Knipphals einen dieser jahreszeittypischen Versuche, aus den Neuerscheinungen der Saison so etwas wie eine gesellschafts- und literaturanalytische Essenz zu keltern.

"Warum die deutsche Literatur in den gesellschaftlichen Selbstverständigungsdebatten leider fehlt,"

fragt er in der Überschrift und gibt zur Antwort: Tut sie gar nicht.

"Was, wenn die Literatur bei den größeren, über die unmittelbare Aktualität hinausgehenden Fragen gar nicht zu versponnen, altbacken, in sich gekehrt wäre, sondern man sich nur irgendwie angewöhnt hat, falsch auf sie zu hören? Was, wenn man von ihr viel zu eindeutige Antworten erwarten und sie deshalb gerade verfehlen würde?"

Bei Nora Bossong, bei Ulf Erdmann Ziegler, bei Stephan Thome entdeckt der TAZ-Autor ein Gespür für Ambivalenz, für die

"Kompliziertheiten und Suchbewegungen"

der modernen Mittelklasseexistenz, die womöglich sehr viel gegenwärtiger sei als vordergründige Debattenbeiträge.

Weniger Ambivalenz als schlichte Ratlosigkeit verrät der Feuilletonaufmacher der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG, der sich mit der Literatur Neuseelands auseinandersetzt, dem diesjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse. NZZ-Autorin Heidi Gmür nennt ein paar Namen, Janet Frame, Paula Morris, Katherine Mansfield, schildert allerlei Wissenswertes über die Begrüßungsrituale der Maori, aber ihr Ausgangspunkt ist dabei die Erkenntnis, wie furchtbar weit weg dieses Land doch ist:

"Aus unserer Sicht ist es das Ende der Welt. Würden wir ein Loch durch die Erdkugel graben, kämen wir in Neuseeland wieder heraus."

Schon richtig: Wir wissen nicht viel über Neuseelands Literatur und wüssten gern mehr. Aber das, mit Verlaub, wussten wir auch ohne die NZZ.

Die Welt als etwas zu betrachten, durch das man sich hypothetisch von einem Ende zum anderen durchgraben könnte, ist das Privileg der Weltgeschichtsschreibung. Die FRANKFURTER RUNDSCHAU hat Jürgen Osterhammel interviewt, der die sechsbändige Weltgeschichte des C.H. Beck-Verlags mitherausgibt, deren erster Band soeben erschienen ist. Global gedacht, so der Konstanzer Historiker, wird schon seit dem 18. Jahrhundert.

"Man konnte damals den Planeten noch nicht als Globus seine Bahn ziehen
sehen, aber man wusste, dass er es tut."


Dennoch, so Osterhammel, habe die Geschichtsschreibung bisher keine eigentliche Globalgeschichte hervorgebracht. Die Beck-Weltgeschichte sei der

"erste Versuch, die Geschichte der Zivilisationen, die bisher nebeneinander dargestellt wurden, (…) als Geschichte weiträumiger Verbindungen, Einflüsse, Mischungen und Verursachungen"

zu schreiben und dabei auch mit neu auftretenden Widersprüchen fertig zu werden:

"Zum Beispiel der zwischen der Vernichtung von Dauer durch planetarische Gleichzeitigkeit auf der einen Seite und auf der anderen, der immensen Bedeutung des Wartens. Denken Sie an die Millionen Menschen in Flüchtlingslagern, die nichts anderes tun als warten. Da rast die Zeit nicht. Da steht sie bleiern still."

Zuletzt kommen wir noch einmal auf die Literatur zurück, genauer auf ein Genre, das eine Art Synthese zwischen Literatur und Geschichtsschreibung darstellt: Memoiren. Salman Rushdie hat seine Autobiografie veröffentlicht, und Nils Minkmar preist dieses Buch in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG mit heißem Herzen:

"Salman Rushdie hat sein bestes Buch geschrieben, eines der größten über unsere so schwer zu deutende Zeit, ein Meisterwerk",

schreibt der FAZ-Feuilletonchef, und dieses Urteil hat nicht nur literarische, sondern auch politische Gründe, sofern sich das gerade bei einem Memoirenband überhaupt voneinander trennen lässt: Das Leben dieses von iranischen Mullahs zur Ermordung freigegebenen Schriftstellers, so Minkmar, sei ein

"Testfall"

gewesen, ein Vorzeichen des Schreckens, den der islamistische Terror später verbreiten würde. Sein Bericht handle

"von der Not, ein Leben in gleißendem Licht einer klaren moralischen Frage führen zu müssen."

Am Ende bedient sich der Rezensent eines für Literaturkritik eher unorthodoxen Maßstabes:

"Durch Schadenfreude"

werde die Lektüre versüßt.

"Denn sein Erscheinen ist das schönste Scheitern der Islamisten."

 

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