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FAZIT - KULTURPRESSESCHAU

KULTURPRESSESCHAU

01.10.2012

Von Kolja Mensing

Das geht zu Herzen. Franziska Augstein erzählt in ihrem Nachruf auf Eric Hobsbawm von einem Abendessen in Potsdam, im Kreis von Fachkollegen. Irgendwann an jenem Abend streicht Hobsbawms Frau ihrem Mann liebevoll mit der Hand übers Haar. Ihm ist es nicht recht, wie ein kleiner Junge behandelt zu werden - und um weitere Streicheleinheiten zu unterbinden, greift er nach der Hand seiner Frau und hält sie fest, bestimmt, aber zärtlich.

"Eric Hobsbawm",

schreibt Franziska Augustein in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG,

"war nicht nur ein weltbekannter Historiker, er war auch ein liebenswürdiger Mann."

Eric Hobsbawm ist gestorben, im Alter von 95 Jahren. In allen Zeitungen gibt es Nachrufe, doch persönliche Töne sind selten. Der englische Historiker ist eher ein Fall für das ideologische Weltgericht. Ja, er sei ein bekennender Marxist gewesen, und das sei gut so, befindet Bruno Preissendörfer im Berliner TAGESSPIEGEL, und die FRANKFURTER RUNDSCHAU schließt sich an:

"[Er] war nicht nur Kommunist, er ist es bis zuletzt geblieben",

schwärmt Michael Hesse. DIE WELT sieht das naturgemäß kritisch: Mara Delius weist darauf hin, dass Hobsbawm noch Mitte der Neunziger in einem BBC-Interview die Massenmorde unter Stalin gerechtfertigt habe.

Dass Eric Hobsbawm der größte Historiker seines Heimatlandes war, darin sind sich trotzdem alle einig - selbst wenn Feuilleton-Chef Nils Minkmar in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG ihn reichlich respektlos als

"universalhistorischen Telefonjoker"

bezeichnet: als einen Gelehrten, der zu allem etwas zu sagen gehabt habe,

"von den Speisezetteln der mittelalterlichen Mandschurei über die Feinheiten des finnischen Parteiensystems zu den Nuancen gegenwärtiger Interpretationen von Jazzstandards".

Wie ein

"modernes Orakel"

sei Hobsbawm zuletzt befragt worden, schreibt Minkmar in der FAZ.

"Unsere Zeit verehrt die Intellektuellen der Altersklasse Neunzig plus auf dieselbe hingebungsvolle, emotionale und rückhaltlose Art, mit der in den 1970er Jahren einem John Lennon gehuldigt wurde",

so Minkmar:

"Man möchte die Gegenwart von ihnen gelesen bekommen."

Schön wär's. Blättert man durch die aktuellen Feuilletons, sieht es ganz so aus, als ob "unsere Zeit" ihre Antworten nicht bei älteren Intellektuellen sucht, sondern bei dem in die Jahre gekommenen Medium des Fernsehens. Die ARD hat Uwe Tellkamps Familienroman "Der Turm" verfilmen lassen - und liest man kurz vor der Ausstrahlung am kommenden Feiertag die Kritiken, könnte man meinen, dass der Streit um die ästhetische Aufarbeitung der DDR-Geschichte gerade erst begonnen hat: eine TV-Produktion als Fall für das ideologische Weltgericht!

Christian Schwochows Film sei nicht mehr als

"ein liebevoll zusammengestellter Bilderbogen",

urteilt Jens Bisky enttäuscht in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG und beklagt sich, dass der Regisseur für die gewaltsame Unterdrückung durch Stasi und Armee eindrucksvolle Bilder gefunden habe, nicht aber für die

"Befreiung",

die sich mit dem Jahr 1989 verbinde. DIE WELT dagegen nimmt die Verfilmung zum Anlass, Tellkamps "Turm" zum "Nationalepos" zu erklären: Eckhard Fuhr zufolge werde hier gerade das

"Deutsche"

an der DDR herausgearbeitet - insbesondere jene

"altmodische Bürgerlichkeit",

die sich unter dem

"Firnis der SED-Diktatur"

erhalten habe und jetzt noch einmal fürs Fernsehen in Szene gesetzt werde.

"Nicht die schlechteste Art, den Tag der deutschen Einheit zu begehen"##,

meint Eckhard Fuhr.

Gerecht oder nostalgisch, freiheitlich oder bürgerlich: Wie soll man sich der deutschen Geschichte, wie der Geschichte überhaupt am besten nähern? Das ist eine Frage, die man eigentlich nicht so gerne vor dem Fernseher klären würde. Man hätte sie lieber Eric Hobsbawm gestellt.

 

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