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FAZIT - KULTURPRESSESCHAU

KULTURPRESSESCHAU

04.10.2012

Von Arno Orzessek

Vorab etwas Überschriften-Kunde.

In den frischen Feuilletons sind uns nämlich Titel aufgefallen, in denen der optische Reiz den klanglichen übertrifft - und umgekehrt.

In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG heißt es zum Beispiel:

"Ein bisserl Weill und ein bisserl smile"

Okay, das hört sich auch nicht schlecht an. Doch den größeren Genuss an der lustigen s- und l-Kombination haben die Augen.

Und worum es geht, kapiert man ohnehin erst weiter unten. Helmut Schödel bespricht die Aufführung von Ferdinand Raimunds Zauberspiel "Alpenkönig und Menschenfeind" am Wiener Burgtheater und zeigt sich leidlich zufrieden.

Für den Berliner TAGESSPIEGEL ist Deike Diening nach Mannheim gefahren, um in den Reiss-Engelhorn-Museen im Rahmen der Ausstellung "Die Geburtsstunde der Fotografie" das älteste Foto der Welt zu besichtigen. Es wurde 1826 geschossen.

Die TAGESSPIEGEL-Überschrift -

"Das fixierte Zeitalter"

- ist optisch nicht so öde, dass man die Augen abwenden müsste. Doch erst laute Artikulation verdeutlicht, wie gut das Verb passt. Es stimmt ja: Fotos fixieren ihr Zeitalter - fix, Klick um Klick.

Optisch, aber auch akustisch ansprechend ist die Überschrift

"Träume sind doch Schäume"

in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG. Die beiden "-äume" an den Wortenden gleichen schicken Zwillingen. Und das "doch" erlaubt, den abgegriffenen Spruch "Träume sind Schäume" schön kitschig-melancholisch zu artikulieren.

FAZ-Autorin Teresa Grenzmann bespricht die Stücke, mit denen Münchens große Schauspielhäuser die Saison eröffnet haben. In den Kammerspielen wurde Tennessee Williams Südstaaten-Drama "Orpheus steigt herab" gegeben, im Residenztheater William Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung" - eine Aufführung, die Grenzmann so resümiert:

"Zähmung des Kätchen-Kätzchens durch Ignorieren seiner Krallen. Das Kätzchen kontert mit Katers Krallen. Das Ende: Liebende auf Augenhöhe."

Offenbar mag es Grenzmann, wenn Worte klingen und knallen. Ihr Artikel "Träume sind doch Schäume" endet jedenfalls:

"Ausgeträumt. Schuss und Schluss."

Womit auch unsere kleine Titel-logie endet, nicht aber der Soundcheck der Feuilletons.

Denn in der TAGESZEITUNG bespricht Diedrich Diederichsen "Lonerism", das zweite Album der australischen Rockband Tame Impala und zeigt sich ebenfalls… wir sagen jetzt nicht: nomen est omen, DD!... - den Alliterationen zugeneigt:

"Hier [in dem Album "Lonserism"] wird die Seele schön bei der Hand genommen und mit Klangtüftel-Overkill bepütschert, in fuzzy Wellness-Gewittern durgewalkt und klebrig-köstlichen Keyboard Kaskaden geknetet. […] Die Unklarheit der Bedeutungen von den erhabenen Flächen, piepsenden Pfeifchen und schaumig brummenden Bässen kommt gar nicht erst an die Oberfläche […]. Jede neue Klangidee wird so zur Bedeutung ihrer Vorgängerin."

Falls Sie, liebe Hörer, eine deutliche akustische Vorstellung von dem haben, was TAZ-Autor Diederichsen damit sagen will, haben Sie uns etwas voraus.

Ohnehin warnt die Tageszeitung DIE WELT vor blindem Wortvertrauen, indem sie titelt:

"Nur das Bild hat Bestand."

Wozu man wissen muss, dass die aktuelle WELT-Ausgabe von Gerhard Richter gestaltet wurde - und der ist nicht für große Worte, sondern für große Bilder bekannt.

Stets gut für das eine wie für das andere war der Agent seiner Majestät 007, James Bond, der an diesem Freitag offiziell 50 Jahre alt wird.

"James Bond ist jetzt ein Best Ager. Nicht mal der Alkohol schmeckt ihm mehr",

lästert Katja Lüthge im TAGESSPIEGEL. Wobei sich ihr Seitenhieb auf den neuen Depri-Bond bezieht, der von Daniel Craig verkörpert wird.

007 Nr. 1, dargestellt von Sean Connery, war da aus anderem Holz - betont SZ-Autor Andrian Kreye.

"[Er] legte stellvertretend für die neue Generation der Kosmopoliten das Grauen und die Ernsthaftigkeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den Akten."

Unabhängig davon bekommt in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG unser jetziges Saeculum sein Fett weg - und zwar mit einer Überschrift, die sich so gut liest wie sie sich anhört.

"Pfui über dieses schlappe Jahrhundert."

Inhaltlich finden wir den Spruch natürlich völlig inakzeptabel.

 

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