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FAZIT - KULTURPRESSESCHAU

KULTURPRESSESCHAU

06.10.2012

Von Arno Orzessek

Lob ist gar kein Ausdruck. Was da in der vergangenen Woche auf die Schauspielerin Corinna Harfouch niederprasselte, war eher ein Sturzregen von Hosiannas.

Besungen wurde Harfouch für ihre Verkörperung der Dichterin Nathalie Oppermann in Yasmina Rezas "Ihre Version des Spiels", uraufgeführt am Deutschen Theater in Berlin unter Stephan Kimmig. Das Stück handelt von einer Lesung in der französischen Provinz, wo sich Oppermann den dumpfen Nachfragen nach autobiografischen Bezügen ihres Romans verweigert.

"Wenn diese Nathalie explodiert, wenn sie auf den Tisch haut und knalllaut schweigt, [ ... ] ist alles um sie herum Bestandteil der einen unverrückbaren Nathalie-Welt. Der Leitspruch dieser Figur lautet: Ich explodiere, also bin ich. Und es gibt keine raffiniertere Explosionsspielerin als Harfouch, weil niemand sonst so viele Neben- und Hauptwege findet, eine Situation eskalieren zu lassen. Das muss man gesehen haben …"

… schwelgte Dirk Pilz in der FRANKFURTER RUNDSCHAU - wobei das mit dem "gesehen haben müssen" so eine Sache ist.

Die Tageszeitung DIE WELT vermeldete nämlich am Ende des Artikels "Die Qual, die wir Kultur nennen":

"Alle Termine im Oktober ausverkauft."

Ulrich Weinzierl ließ keinen Zweifel daran, wer den Ausverkauf zu verantworten hat:

"Corinna Harfouch ist schlicht und einfach überwältigend. Allein ihre Verlegenheit, ihre Fahrigkeit, die unzähligen winzigen Gesten des Unbehagens vom Fußscharren aufwärts faszinieren. Alles ist 'gemacht' und doch von vollendeter Natürlichkeit."

In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG staunte Gerhard Stadelmaier über Harfouchs "großen, eleganten Wut- und Wuchttanz um die Leerstelle der verlorenen Intimität herum" und klassifizierte Rezas Stück als eine "Melancholödie" - womit unsere Sprache ein schönes Wort mehr hat.

Unterdessen war in der vergangen Woche auch der Tag der Deutschen Einheit, an dem die ARD die Verfilmung von Uwe Tellkamps Roman "Der Turm" zeigte. In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG gähnte Jens Bisky:

"Die Verfilmung pointiert Konflikte und Motive aus dem Roman, aber dem großen Repertoire an DDR-Fernsehszenen und Filmbildern fügt sie nach grandiosem Beginn nichts Neues hinzu [ ... ]."

Uwe Tellkamp selbst trat im Sächsischen Landesparlament auf und belehrte in seiner Rede, die von der WELT abgedruckt wurde, die Anwesenden über das Sachsenhafte als solches:

"Ich denke hin und wieder, dass der Sachse im Grunde seines Wesens ein Lehrer ist. Entsprechende Leserbriefe in Zeitungen, die darauf bestehen, dass die Dresdner Garnisonskirche eben nicht Garnisonskirche heißt, sondern korrekt, aber sprachlich fragwürdig Garnisonkirche, lassen diese These nicht überspitzt erscheinen. Es gibt ihn, den furor paedagogicus saxonicus."

So der Gelegenheits-Pädagoge Uwe Tellkamp in der WELT.

Der Schriftsteller und Wahl-Dresdner Marcel Beyer hat auch eine Rede gehalten - nämlich seine Antrittsrede als Stadtschreiber im hessischen Bergen-Enkheim nahe Frankfurt. Im Blick auf die Polizisten und Geheimdienstler, denen es jahrelang nicht gelungen war, die Mörder aus dem "Nationalsozialistischen Untergrund" zu entlarven, klagte Beyer - in der SZ konnte man's lesen:

"Was mich bestürzt, ist der Mangel an Phantasie, der bei der Ermittlung [ ... ] zum Ausdruck kommt. Das Bild vom Menschen - sei er nun Verbrecher oder nicht - entspricht der Typenbezeichnung leider nicht im guten, sondern im primitivsten aller möglichen Krimis."

Ob James Bond zu den guten oder blöden Figuren der Filmgeschichte zählt, darüber herrschte zum 50. Bond-Jubiläum keine Einigkeit. Für den SZ-Autor Andrian Kreye war der frühe 007 immerhin ein Wegbereiter der Spaßgesellschaft:

"James Bond legte stellvertretend für die neue Generation der Kosmopoliten das Grauen und die Ernsthaftigkeit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den Akten. [ ... ] Da liegt dann vielleicht auch der einzige politische Kern der Reihe - der Sieg des kapitalistischen Spaßes über die Tristesse des Sozialismus."

Die TAZ-Autorin Ines Kappert sah im Blick auf die neuen Bond-Filme mit Daniel Craig Fortschritte im Gender-Mainstreaming:

"Die Geschlechterdifferenz ist durchlässig geworden. [ ... ] Aus dem Märchen für Männer ist ein Märchen für Männer und Frauen geworden. Zumindest solange sie weiß und hetero sind."

Bevor Barack Obama kam, mussten auch amerikanische Präsidenten weiß und hetero sein. Das heißt, hetero müssen sie wohl immer noch sein. In der WELT konstatierte Hannelore Schlaffer:

"Die Menge will, dass der Präsident liebt, wie sie liebt. Das Ehepaar Obama passt sich diesem Geschmack mit peinlichem Eifer an. Im Eheschauspiel des Präsidentenpaares ist daher an die Stelle der Umarmung der Kuss getreten. Barack und Michelle küssen sich wie Hans und Liese und sind angeblich 'noch so verknallt wie am ersten Tag'."

Aber ob's das bringt? Das TV-Duell gegen den Herausforderer Mit Romney hat Obama - nicht nur - nach Ansicht vom FAZ-Autor Jordan Mejias verloren:

"Auch eingefleischte Fans des Präsidenten werden nicht leugnen, dass er einigermaßen lustlos, wenn nicht zerstreut wirkte und womöglich doch lieber den zwanzigsten Hochzeitstag [ ... ] allein mit Michelle verbracht hätte."

Wie immer die Geschichte weitergeht, Eric Hobsbawm wird sie nicht schreiben. Der britische Universalhistoriker marxistischer Prägung starb 95-jährig in London.

"Ein Antispezialist in einer Welt voller Spezialisten, ein polyglotter Kosmopolit, ein Intellektueller, dessen politische Einstellung und akademische Arbeit sich den Nichtintellektuellen widmete."

So Hobsbawm über Hobsbawm - zitiert in der Wochenzeitung DIE ZEIT.

Aber gibt's das überhaupt - Universalgeschichte? Jörg Fisch, Mitherausgeber der neuen Weltgeschichte im Fischer Verlag, winkte in der BERLINER ZEITUNG kategorisch ab:

"Der Einzige, der wirkliche eine Geschichte vom Urknall bis heute schreiben könnte, ist Gott. Er ist der einzige Universalhistoriker. Er steht uns aber als Autor der Fischer-Weltgeschichte bedauerlicherweise nicht zur Verfügung."

 

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