Vorab streuen wir eine Prise Salz in die Wunde, die das 4:4 zwischen Deutschland und Schweden in der hiesigen Fußballseele aufgerissen hat.
In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG besprach Thomas Steinfeld nach dem historischen Kick David Lagercrantz' Biografie von Zlatan Ibrahimovic, der mit dem Kopfball zum 1:4 die historische Wende eingeleitet hatte.
Dieser Ibrahimovic, der sich auf dem grünen Rasen aus der Unterschicht heraufgeballert hat, pfeift auf so ziemlich alles, was Jogis brave Abiturienten-Mannschaft schmückt:
"Er protzt und beleidigt, er ist unkollegial und nachtragend, er kennt keinen Anstand und keine Vorgesetzten, er benutzt jede Gelegenheit, um den Propagandisten seiner selbst zu geben. Er tritt zuweilen auf, als wäre er noch immer ein Schläger auf dem Schulhof ",
charakterisierte SZ-Autor Steinfeld das gelegentlich geniale Ekelpaket Zlatan Ibrahimovic.
Indessen begann die Woche mit der Würdigung eines Mannes von ganz anderem Schlag - Liao Yiwu. Im Mittelpunkt stand dabei die Rede, die der chinesische Schriftsteller anlässlich seiner Auszeichnung mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels gehalten hatte.
"Die Rede klang friedlich, aber sie war es nicht. Sechsmal erklang in der Frankfurter Paulskirche an diesem Sonntagmorgen der beschwörende Satz 'Dieses Imperium muss auseinanderbrechen', und Liao Yiwu sprach ihn sechsmal auf Deutsch aus. Der diesjährige Friedenspreisträger [ ... ] forderte in seiner Dankesrede nicht weniger als das Ende des chinesischen Staatsverbunds: 'Ein Land, das kleine Kinder massakriert, muss auseinanderbrechen - das entspricht der chinesischen Tradition'",
übermittelte Andreas Platthaus in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG Liao Yiwus kämpferische Worte.
In der Tageszeitung DIE WELT erklärte Thomas Schmid, dass Liaos Widerstandsgeist im Grunde auf dem Tian'anmen geboren wurde:
"Als die studentische Revolte in China 1989 auf ihre Klimax zulief, schrieb er in der Nacht zuvor wie in Trance das später berühmt gewordene Großgedicht 'Massaker'. Es nahm das staatliche Töten auf dem Tian'anmen-Platz vorweg. Das Gedicht brachte Liao für vier Jahre in Haft, Erniedrigung und Folter wurden sein Leben. Diese Urerfahrung hat ihn erschüttert, aber nicht gebrochen. [ ... ] Er verkörpert den Sieg eines geradezu archaischen Gegenwillens."
So Thomas Schmid in der WELT.
Am Tag der Preisverleihung an Liao ging die Frankfurter Buchmesse zu Ende - für Dirk Knipphals von der TAGESZEITUNG keine große Sache:
"[Es gibt da] dieses Buch von Rainald Goetz [ ... ], in dem als zentrale Tätigkeit einer solchen Messe das 'Loslabern' beschrieben wird. Stimmt ja auch. Einen Ort und Anlass zum Quatschen und Kennenlernen sowie als Anlass für Dienstreisen braucht es auch im Zeitalter der Onlinekommunikation."
Erzürnt vom bunten Treiben zeigte sich dagegen Jan Wiele.
Unter dem Titel "Fehlt nur noch eine Hüpfburg" moserte der FAZ-Autor "Die Buchmesse wird langsam, aber sicher zur Spielzeugmesse" und empfahl der Branche, zu definieren, was überhaupt noch Buch heißen soll:
"Hierbei könnte die Idee des Lektorats hilfreich sein, die anscheinend viele für obsolet halten: Ein Buch, das sollte im schlechtesten Fall ein Textprodukt sein, das von wenigstens einem themenkundigen und der Rechtschreibung mächtigen Menschen gegengelesen worden ist."
Halb amüsiert, halb gelangweilt fühlte sich SZ-Autor Jens Bisky:
"Auf der Messe [ ... .] ist auch von Krisen die Rede. Ohne ein bisschen Untergang [ ... ] lässt sich ja kaum noch vernünftig Smalltalk treiben. Vor allem aber inszeniert die Messe [ ... ] Normalität. Man findet die großen und kleinen Verlage am gewohnten Platz [ ... ]. Zwar ist der Umsatz des Buchhandels in diesem Jahr leicht gesunken, aber alle hoffen auf das Weihnachtsgeschäft, wie sie es in jedem Jahr tun. Business as usual."
Kommen wir zu Stoff mit mehr Sex-Appeal. Kommen wir "Lulu", der Oper von Alban Berg, die Krzysztof Warlikowski in Brüssel inszeniert hat.
In der Wochenzeitung DIE ZEIT konnte sich Christine Lemke-Matwey kaum fassen:
"Wer nach fast vier Stunden aus Warlikowskis grandioser, nachtrevuehaft schillernder Inszenierung [ ... ] stolpert, findet selbst nur mühsam festen Boden unter den Füßen. Die Erfahrung jenes Durchhörbarmachens, Durchsichtigwerdens der Welt sitzt zu tief, als dass man ohne Weiteres damit fertig würde."
Nicht weniger angefixt zeigte sich Eleonore Büning in der FAZ:
"Noch nie war uns diese Kunstfigur, von Frank Wedekind [ ... ] ersonnen als Provokation und Drohung, [ ... ] von Alban Berg dann zwölftonig veredelt, mit einem Bänkellied gekreuzt und mit autobiographischem Herzblut verquirlt zur hybriden Gossenheiligen, auch nur annähernd lebenswahr oder gar liebenwert erschienen. Lulu ist eine Projektionsfläche [ ... ]. Auch die Männer, die sie umschwirren, stehen nicht für sich selbst, sondern für Prinzipien ein [ ... ]. Warlikowski [jedoch] gelingt es, all diese Pappfiguren, Lulu voran, lebendig zu machen."
Wo wir gerade bei Frauen sind, die nicht nur Köpfe zu verdrehen verstehen:
Sylvia Kristel ist gestorben, die Darstellerin der "Emmanuelle". Es gereicht der TAZ zur Ehre, den Tod der holländischen Softporno-Aktrice vermeldet zu haben, durch die einige sehr dumme 70er-Jahre-Filme sehr ansehnlich wurden.
Tot ist auch der TV-Autor Wolfgang Menge, dessen "Ekel Alfred" die gültige Definition des Spießers ist.
"Es gibt nicht viele, über die man sagen kann, dass sie das deutsche Fernsehen erfunden haben. Wolfgang Menge war einer von ihnen", verabschiedete sich Ulrich Clauß in der WELT.
Den prominentesten Gesprächspartner der Woche hatte Ulrich Greiner. Der ZEIT-Autor sprach zum 500. Geburtstag von Michelangelos Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle mit Gott und fragte:
"Warum überhaupt haben Sie Adam geschaffen? War Ihnen langweilig?"
Gott antwortete Greiner:
"Die Erschaffung des Menschen war ein Experiment, auf dessen Ausgang ich selber gespannt bin."
Klingt echt unverantwortlich. Was daran liegen mag, dass uns der Allmächtige nicht wirklich versteht - wenn man der SZ glaubt. Sie titelte: "Gottvater war nie Mensch."
Für die himmlischen Flügelwesen gilt das nicht. Sie sind, wenn man wiederum der SZ glaubt, genauso wie wir:
"Auch Engel mögen Whisky."
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Fazit
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