"Ich fordere von den Behörden, mir den Körper meines Sohnes zurückzugeben." Dieser Satz ist Teil des Theaterstücks "Trash Cuisine", wie Ingo Petz in der WELT berichtet. Nur sagt ihn nicht irgendeine Schauspielerin, sondern die reale weißrussische Mutter eines 26-Jährigen, der im März nach einem unfairen Prozess hingerichtet und an einem geheim gehaltenen Ort begraben wurde. "Waberte die Wirklichkeit wie ein unheimliches Mantra schon durch das ganze Theaterstück", so Ingo Petz über die Aufführung im Rahmen eines Festivals in den Niederlanden, "ist sie nun vollends präsent. […] Man ist mittendrin: im weißrussischen Horror."
"Trash Cuisine" stammt vom Belarus Free Theatre, einer Theatertruppe aus Minsk, die im Untergrund ihre Stücke über Todesurteile, Folter, Selbstmord und Homosexualität aufführt. Jüngst sind die beiden Gründer des Theaters, Nikolaj Chalesin und Natalja Koljada, ein Ehepaar, in den Westen geflohen und leben nun als politische Flüchtlinge in London. Währenddessen harrt die Theatertruppe in Weißrussland aus und führt - trotz zahlreicher Verhaftungen - weiter heimlich Stücke auf. "Du stehst morgens auf und denkst an deine Freunde, die im Gefängnis sitzen", sagt Nikolaj Chalesin. "Und mit diesem Gedanken gehst du abends zu Bett. Damit die Leute das verstehen, musst du das radikal zeigen."
Zu radikal oder zu heikel war dem Interimsintendanten des Deutschen Nationaltheaters Weimar, Thomas Schmidt, wohl die Idee vorgekommen, jene Erklärung auf der Bühne seines Hauses verlesen zu lassen, die der Massenmörder Anders Breivik im April vor einem Osloer Gericht vorgetragen hatte. Der Schweizer Regisseur Milo Rau hat sein Vorhaben schon Wochen zuvor angekündigt. Schmidt aber behauptete, er habe erst kurzfristig davon erfahren, und untersagte die Aktion in seinen Theaterräumen am Tag vor der Premiere. Dirk Pilz spricht in der FRANKFURTER RUNDSCHAU deshalb von einem "Skandal". Schmidt würde entweder lügen oder eingestehen, keine Ahnung vom eigenen Spielplan zu haben. Mit dieser Aktion distanziere er sich nicht von Breivik, "sondern von der Kunst" selbst. Die Deutschtürkin Sascha Soydan verlas Breiviks Text schließlich in einem benachbarten Kino. Pilz findet die Aktion gelungen, auch wenn der Text selbst eine Zumutung bleibe: "Vieles ist faktisch falsch, vieles verdreht. Aber erst durch diese Theaterlesung wird hörbar, dass der Text ressentimentgeladene Elemente zu einem Konvolut kombiniert, das auf große Zustimmung spekuliert."
Burkhard Müller kritisiert dagegen die Lesung in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Seine überraschende Begründung: "Frau Soydan erledigte ihre Sache schlecht, indem sie sie so gut machte." Besonders störte sich Müller daran, dass die Schauspielerin während der Lesung einen Kaugummi kauen musste. "Zwar war er als Zeichen der Distanzierung kaum misszuverstehen; doch damit schuf er eine Rolle und verhalf der Figur zu gewaltiger Präsenz, einer Präsenz von Pein und Angst."
Daniel Schreiber hat für den TAGESSPIEGEL mit dem scharfsinnigen und -züngigen New Yorker Essayisten Eliot Weinberger über den US-Präsidentschaftswahlkampf gesprochen. Wie wird sich das Mormonentum Mitt Romneys auf seinen Wahlkampf auswirken? Weinberger erwähnt die Praxis der Mormonen, verstorbene Andersgläubige mithilfe von Namenslisten einfach posthum zu konvertieren. "Darüber sind weder die jüdischen Organisationen besonders glücklich, die sich damit konfrontiert sehen, dass die sechs Millionen Opfer der Schoah konvertiert wurden. Noch können sich die Evangelikalen damit abfinden, wenn Tante Tilly nach ihrem Tod plötzlich zur Mormonin gemacht wird."
Aber auch ohne die Gretchen-Frage werde Romney gegen Obama verlieren, glaubt Eliot Weinberger. Es komme beim US-Präsidentschaftswahlkampf nämlich weniger darauf an, woran man glaubt, als vielmehr darauf, ob man glaubwürdig wirke. Und das sei bei Romney schon in seinem ersten Fernseh-Duell nicht der Fall gewesen: "An 27 Stellen sagte er die Unwahrheit und attackierte dann auch noch Bibo von der Sesamstraße […] So wird man nicht Präsident."
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Fazit
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