"Alle wollen Bibo", berichtet der STERN in seiner Online-Ausgabe vom Samstag. Kurz vor Halloween ist in den USA die Nachfrage nach dem Kostüm des gelben Vogels aus der Sesamstraße derart groß, dass die Hersteller mit der Produktion nicht nachkommen. Alle wollen Bibo, nur Präsidentschaftskandidat Mitt Romney nicht. Der hatte im ersten Fernsehduell mit Barack Obama angekündigt, Bibo mit samt der Sesamstraße abschaffen zu wollen. Der Angriff wurde zum Bumerang. Und Bibo zur Symbolfigur der Romney-Gegner.
Eine Feuilleton-Woche geht zu Ende, die von politischen Themen geprägt war, auch dort, wo man Politik nicht vermutete. Wer Bibo attackiere und auch noch unaufhörlich lüge, habe keine Chance, Präsident zu werden, sagte der New Yorker Essayist Eliot Weinberger am Montag dem TAGESSPIEGEL. Weinberger mutmaßte, wie sich das Mormonentum Romneys auf dessen Wahlkampf auswirken könnte: eher negativ. So dürften viele Wähler Probleme mit der Praxis der Mormonen haben, verstorbene Andersgläubige mithilfe von Namenslisten einfach posthum zu konvertieren:
"Darüber sind weder die jüdischen Organisationen besonders glücklich, die sich damit konfrontiert sehen, dass die sechs Millionen Opfer der Schoah konvertiert wurden. Noch können sich die Evangelikalen damit abfinden, wenn Tante Tilly nach ihrem Tod plötzlich zur Mormonin gemacht wird."
"Können Sie reiten, Mr. Romney - oder überlassen Sie das Ihrer Gattin und ihren Dressurpferden?"
… fragte Rieke Havertz in der TAZ. Das dritte und letzte Fernsehduell zwischen Romney und Obama vor der Wahl am 6. November hatte sie derart gelangweilt, dass sie, anstatt darüber zu schreiben, sich lieber an den beiden rächte, mit 30 absurden Fragen:
"Wie viele Pakete Butter kann man von den über 16 Billionen Dollar Schulden kaufen, die das Land angehäuft hat?"
In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG bezeichnete Patrick Bahners Amtshinhaber Obama als "kleinlich, selbstgerecht". Obama scheine "es für eine Kränkung zu halten, dass von ihm nach vier Jahren Rechenschaft gefordert" werde.
"Ich fordere von den Behörden, mir den Körper meines Sohnes zurückzugeben."
Dieser Satz ist Teil des Theaterstücks "Trash Cuisine", über das Ingo Petz zu Wochenbeginn in der WELT berichtete. Nur sagt ihn nicht irgendeine Schauspielerin, sondern die reale weißrussische Mutter eines 26-Jährigen, der im März nach einem unfairen Prozess hingerichtet und an einem geheim gehaltenen Ort begraben wurde.
"Man ist mittendrin: im weißrussischen Horror"
… so Ingo Petz über die Aufführung im Rahmen eines Festivals in den Niederlanden. "Trash Cuisine" stammt vom Belarus Free Theatre, einer Theatertruppe aus Minsk, die im Untergrund ihre Stücke über Todesurteile, Folter und Selbstmord aufführt. Jüngst sind die beiden Gründer des Theaters in den Westen geflohen. Die in Weißrussland zurückgebliebene Theatertruppe führt - trotz zahlreicher Verhaftungen - ihre Arbeit fort.
Ebenso wie das Belarus Free Theatre inszeniert auch der Schweizer Regisseur Milo Rau Wirklichkeit. In Weimar ließ er die deutsch-türkische Schauspielerin Sascha Soydan jene Erklärung verlesen, die der norwegische Massenmörder Anders Breivik im April vor einem Osloer Gericht vorgetragen hatte. Dirk Pilz bezeichnete in der FRANKFURTER RUNDSCHAU die Aktion als gelungen, auch wenn der Text selbst eine Zumutung bleibe:
"Vieles ist faktisch falsch, vieles verdreht. Aber erst durch diese Theaterlesung wird hörbar, dass der Text ressentimentgeladene Elemente zu einem Konvolut kombiniert, das auf große Zustimmung spekuliert."
Burkhard Müller kritisierte dagegen die Lesung in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Seine überraschende Begründung:
"Frau Soydan erledigte ihre Sache schlecht, indem sie sie so gut machte."
Besonders störte sich Müller daran, dass die Schauspielerin während der Lesung einen Kaugummi kauen musste:
"Zwar war er als Zeichen der Distanzierung kaum misszuverstehen; doch damit schuf er eine Rolle und verhalf der Figur zu gewaltiger Präsenz, einer Präsenz von Pein und Angst."
Die Präsenz des neuen Denkmals für die im Nationalsozialismus ermoderten Roma und Sinti mutet dagegen kitschig und klischeebehaftet an. Befand jedenfalls Nikolaus Bernau in der BERLINER ZEITUNG. Der israelische Künstler Dani Karavan habe im Berliner Tiergarten "ein Kunstwerk geschaffen, das so ziemlich allen romantischen Vorurteilen, die die europäischen Mehrheitsgesellschaften über Sinti, Roma, Jenischen oder Fahrende Leute haben, eine künstlerische Form" gebe:
"Aus der Mitte des schwarzen Beckens steigt täglich ein dreieckiges Polster auf, auf dem eine frische Blume liegt."
Auch für Ingo Arend von der TAZ war diese "täglich wechselnde Feldblume" als "Symbol des Lebens, (…) begleitet vom 'Klang einer einsamen Geige (...) schwebend im Schmerz' (…) ein Tupfer zu viel Erlösung".
Schwebend im Schmerz war auch ein österreichischer Klatsch-Reporter. Der Rapper Sido hatte ihn nach einer Castingshow-Sendung im ORF mit einem Faustschlag niedergestreckt und flog dann selbst, als Juror der Sendung. "Hurensohn! Ich fick deine Mutter", hatte Sido vor seinem Schlag gerufen, wie die TAZ berichtete. Die Szene ist in einem Video festgehalten.
Leider keine Bilder gibt es von jenem Faustschlag, den Peter Handke vor 25 Jahren dem Literaturkritiker Jochen Hieber versetzt haben soll. Aber die Erinnerung Hiebers daran am Freitag in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG war lesenswert:
"'Da bist du ja schon wieder, du Schreiber-Bubi von der FAZ', rief mir Handke auf dem Parkplatz zu. Schon am Morgen hatte er so gestichelt. Deshalb antwortete ich: 'Lass mich endlich in Frieden, du Federwetzer vom Mönchsberg' - Handke lebte damals in Salzburg. Darauf er so laut, dass alle es hörten: 'Er hat mich beleidigt!' Gleich darauf streifte mich sein Fausthieb, meine Brille ging zu Boden."
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Beiträge zum Nachhören
Fazit
Kulturpresseschau
Sendezeit: 23.05.2013, 23:52
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