"Eine Jean Paul'sche Wortfindungsbesessenheit ist da am Werk, deren Wucherungen zugleich von einer lutherischen Prägnanz im Zaum gehalten werden..."
... schrieb Gregor Dotzauer im TAGESSPIEGEL über die neue Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff...
"... und Robert Walser'sche Lieblichkeitsexerzitien stehen neben terrierhaften Bosheitsattacken."
Der Kampf - welche Feuilletonseite man in dieser Woche auch immer aufschlug: Er sprang einen an. Der Kampf gegen das Hochwasser, gegen eine autoritäre türkische Regierung, für das Wahlrecht der Frauen und gegen einen ungeliebten Miteigentümer.
Der Büchner-Preis für Sibylle Lewitscharoff, eine Suhrkamp-Autorin, spreche "auch für die Bedeutung eines Verlags, der derzeit bedauerlicherweise meist mit anderem im Gespräch ist als mit seiner Literatur", bemerkte Andreas Platthaus in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG und zerstörte damit ziemlich sicher die Hoffnung vieler Leser, wenigstens einen Tag verbringen zu können, ohne an den selbstzerstörerischen Machtkampf bei Suhrkamp erinnert zu werden.
Der SPIEGEL hatte zuvor über einen Coup berichtet, den Ulla Unseld-Berkéwicz mit ihren Anwälten gegen den Minderheitsgesellschafter Hans Barlach ausgeheckt habe. Barlach hatte gerichtlich eine Sonderausschüttung zu seinen Gunsten von 2,2 Millionen Euro erstritten. Der Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung steht dann aber auch eine mehr als doppelt so hohe Ausschüttung zu. Bei Ausschüttung jedoch drohe die Insolvenz, behauptet die Verlegerin. Ein Insolvenzverfahren kann aber dazu führen, dass beide Seiten auf die Ausschüttungen verzichten müssten und eine neue Rechtsform für den Verlag gewählt würde, bei der "einfache Mehrheiten" für Entscheidungen ausreichten.
"Das wäre die Entmachtung des Minderheitsgesellschafters Hans Barlach", schrieb der SPIEGEL und verwies auf die Absurdität des Ganzen:
"Die Gesellschafterin Unseld-Berkéwicz fordert fünf Millionen Euro von der Geschäftsführerin Unseld-Berkéwicz, um diese fünf Millionen Euro womöglich in der Insolvenz für alle Zeiten zu verlieren."
Absurd, aber erfreulich erschien dem türkischen Autor von Kriminalromanen Celil Oker, was da gerade in Istanbul passiert. Vorwiegend junge Menschen demonstrieren gegen die türkische Regierung. "Ich nahm an, dass sie keine anderen Welten außer ihren Smartphones kennen würden", schrieb er in der WELT:
"Ich habe mich geirrt. Und wie ich mich geirrt habe!"
Aus einem Kampf für Bäume und gegen ein geplantes Einkaufszentrum ist eine mächtige, überraschende Protestbewegung geworden. Karen Krüger ist seit einer Woche in Istanbul im Dauereinsatz für die FAZ.
"Ich habe noch nie Leute so bitter über Tayyip Erdoğan fluchen gehört wie kürzlich, inmitten einer Gruppe von Istanbuler Demonstranten ..."
... schreibt sie in der Sonntagsausgabe der Zeitung.
"Von irgendwoher war mit Tränengas auf uns geschossen worden."
Die Menschen hätten keine Lust mehr, sich vom Ministerpräsidenten ihr Leben vorschreiben zu lassen.
"Er bestimmt nicht nur über das Schicksal des Gezi-Parks, er bestimmt auch, was Kunst ist, wie man Geschichte interpretiert, was die Leute trinken dürfen - keinen Alkohol! -, wo sie sich küssen - auf keinen Fall öffentlich! - und sogar, wie viele Kinder eine Frau bekommen soll - nämlich drei."
"Wenn die Gewalt gegen die Protestbewegung weitergeht, sollten wir alle in Europa in die Türkei, Protesturlaub machen", forderte der Enthüllungsjournalist Günter Wallraff in der WELT. Noch fällt es etwas schwer, sich vorzustellen, dass deutsche Türkei-Urlauber auf dem Taksim-Platz demonstrieren, anstatt auf der Liege am Pool des All-Inclusive-Hotels Cocktails zu schlürfen. Aber durchaus erfrischend sind Wallraffs idealistische Solidaritätsbekundungen jenen demonstrierenden Türken gegenüber, die in einem Land leben, in dem die Presse, Wallraff zufolge, nahezu gleichgeschaltet ist und anstatt über die Proteste über "Pinguine und Schizophrenie und die Strahlung auf dem Mars" informiert.
Also berichten die Demonstranten eben selbst, via Facebook und Twitter - und machen den kontrollwütigen türkischen Ministerpräsidenten merklich nervös. "Es gibt da diese neue Bedrohung namens Twitter", sagte er laut FAZ der "Hürriyet":
"Man findet dort unvorstellbare Lügen. Für mich ist Twitter der größte Unruhestifter für heutige Gesellschaften."
Jene "Generation Internet", die Erdoğan ein Dorn im Auge ist, taufte Joachim Güntner in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG anerkennend in "Generation Sandsack" um. Er meinte die Menschen, die sich über soziale Netzwerke organisieren, um gegen das Hochwasser in Deutschland zu kämpfen, auch wenn sie selbst nicht betroffen sind:
"Statt zu Flash-Mobs versammeln sie sich zu mobilen menschenfreundlichen Einsatzkommandos, befüllen und schleppen Sandsäcke, beladen Fahrzeuge, tragen Möbel in höhere Stockwerke oder melden sich als Deichläufer, die nachts aufpassen, ob irgendwo ein Damm bricht. […] Helfen zu können, macht gute Laune."
Nicht nur im Kampf gegen das Wasser. Auch für das Frauenwahlrecht. Radikal, aber auch weiblich kreativ und einfach schön kämpften die so genannten Suffragetten aus Großbritannien. Mit nur einem Ziel: das Wahlrecht für Frauen durchzusetzen. Am Dienstag vor 100 Jahren warf sich eine Suffragette bei einem Pferderennen in England vor ein Pferd und starb. Bis dahin protestierten Suffragetten erst elegant, dann immer militanter. Daran erinnerte Michaela Karl in der TAZ:
"Im Oktober 1909 attackierte eine Suffragette auf dem Bahnhof in Bristol Winston Churchill mit einer Hundepeitsche. In der Royal Albert Hall sprangen Frauen während einer Parteiversammlung der Liberalen aus der Orgel. Suffragetten in Gymnastikanzügen kletterten auf Dächer, um Reden zu halten, und in Cambridge wurde einem Politiker eine tote Katze ins Gesicht geworfen."
Eine hübsche Anregung für die türkischen Demonstranten? Eine tote Katze im Gesicht von Ministerpräsident Erdoğan? Mitleid kommt auf bei dem Gedanken. Mitleid mit der Katze.
Mehr zur Sendung:
Beiträge zum Nachhören
Fazit
Netzwerk Recherche Treffen in Hamburg
Sendezeit: 15.06.2013, 23:45
Berlin: Lange Nacht der Autoren - Abschluss der Berliner Autorentheatertage
Sendezeit: 15.06.2013, 23:37
Florentine Klepper inszeniert in Dresden den "Fliegenden Holländer"
Sendezeit: 15.06.2013, 23:05
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