Der Ort, an dem das Lebenswerk eines Menschen zum ersten Mal Geschichte wird, ist der Nachruf. Alter und Persönlichkeit des Verstorbenen, seine Art des Beitrags zur Kultur, seine Akzeptanz in den Redaktionen, die Umstände seines Todes - all das wirkt mit am Nachruf, einem beeinflussbaren und sehr persönlichen Genre, das zugleich die Endgültigkeit eines Epitaphs in sich trägt.
Plötzliche Tode vergleichsweise junger Künstler etwa provozieren oft Texte, in denen sich zur Empörung darüber, dass das Werk, um das es geht, doch unmöglich als abgeschlossen angesehen werden kann, tiefe Betroffenheit gesellt. In der Süddeutschen schreibt Alexander Menden: "Als der schottische Krimiautor Ian Rankin seinen Freund und Landsmann Iain Banks vor ein paar Wochen in seinem Edinburgher Stammlokal traf, entschuldigte er sich dafür, dass er ihm noch immer kein Hochzeitsgeschenk besorgt hatte. 'Was schenkt man einem Mann, der schon alles hat?', fragte Rankin. 'Wie wär's mit einem Heilmittel gegen Krebs?', fragte Banks zurück. Anfang April erst hatte er bekanntgegeben, dass er Gallenblasenkrebs habe und nicht erwarte, das Jahr zu überleben." Erst danach bat Ian Banks seine langjährige Partnerin, ihm "die Ehre zu erweisen", seine "Witwe zu werden".
Dietmar Dath würdigt in der FAZ den Romancier Banks, seine "liebevolle Kleinarbeit an stachligen Mikado-Plotkonstruktionen" und den "gewandten, anspruchsvollen, bisweilen gar avantgardistischen" Stil unter einer Überschrift, die Verbeugung, Kampfruf und Vermächtnis ist: "Der Name der Zukunft: Kultur". Iain Banks wurde 59 Jahre alt.
90 Jahre alt wurde Walter Jens. Als "Excelsior-Figur der Öffentlichkeit", wie Stephan Speicher es in der Süddeutschen ausdrückt, ehren ihn geschliffene, umfassende, mächtige Nachrufe unter Überschriften wie "Rhetorik als politische Kunst" (FAZ) oder "Ein Prediger auf den Brettern der Welt" (Die Welt), die ganze große Form, wenn man so will. Sie sind durch die Bank lesenswert, haben viel zu erzählen, nicht nur von Jens, sondern auch von der Geisteskultur der Bundesrepublik, gerade weil Jens nicht Schriftsteller oder Kritiker war, sondern beides und vor allem ein Drittes, nämlich Rhetor. Jörg Magenau zeichnet das in der taz nach. Er erinnert dabei auch an Jens' frühe Auftritte bei der Gruppe 47. Da war er, so Magenau, der "erste Platzanweiser der Gegenwartsliteratur." Zitat Martin Walser: "Da wo er Dich hinsetzt, da sitzt Du (vorerst)."
Stephan Speicher verbindet die Würdigung mit einem Blick in die Zukunft: "Manches bleibt lesenswert, aber die Mehrzahl seiner Bücher ist nicht mehr lieferbar; dass in fünf oder fünfzehn Jahren eine Werkausgabe erscheinen wird, kann man sich schwer vorstellen. Denn Jens hat sein Talent, seine enorme Arbeitskraft vor allem in die Arbeit für den Tag gesteckt. Dafür ist er seinerzeit auch nicht ohne Lohn und Würdigung geblieben. Man wird mit Respekt sagen müssen: Er hat sich aufgezehrt für das, was er als seine republikanische Pflicht erkannte."
Andreas Platthaus resümiert in der FAZ, es "dürfte ihm gerecht werden", wenn man Walter Jens "vor allem als 'vir bonus dicendi peritus' in Erinnerung behalten wird - als einen Ehrenmann, der reden kann." Und Ulrich Weinzierl schreibt in der Welt: "Eine griechische Tragödie, die keinen besseren Interpreten gefunden hätte als ihn, hat sich an ihm erfüllt."
Der Tod lässt inne halten. Im Feuilleton verschiebt er Themen - nach weiter hinten oder auf später. Tatsächlich werden wir von manchem, was den Nachrufen folgt, noch hören in diesen Tagen. Von der "Tragik des Whistleblowers" etwa, wie es die FAZ nennt, also von Edward Snowden, der das amerikanische Spitzelprogramm Prism aufgedeckt hat und nun in Hongkong Zuflucht sucht. Und vom sogenannten Schloss in Berlin, zu dem am Mittwoch der Grundstein gelegt wird. Nikolaus Bernau fängt in der Berliner Zeitung schon mal an: "Zu niedrig, zu klein und vor allem zu teuer. Eine Schlossattrappe ist kein Museum." Vielleicht nehmen sich die Feuilletons ab Mittwoch dieses Themas endlich noch einmal von Grund auf an. Noch ist es nicht zu spät.
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Fazit
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