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FAZIT - KULTURPRESSESCHAU

KULTURPRESSESCHAU

13.06.2013

Von Arno Orzessek

Vorab: der lyrische Vorspann.

Wir sitzen hier, durchaus akkurat klimatisiert, am Schreibtisch. Draußen aber, vor dem Doppelfenster, neigt sich ein Sommerabend, den man ungern hinter Glas verbringt.

Die grünen Baumwipfel spielen noch Fangen mit dem Wind, während das Abendlicht aus zerzausten Wattewolken feines Himmelgeschmeide webt. Und die blaue Luft, die wir nicht riechen können, sie riecht gewiss nach großen Ferien.

Glücklicherweise nimmt uns die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG in dieser Stimmung auf einen Spaziergang mit - genauer: auf den "Spaziergang" von Klaus Merz.

Er hat bloß eine Länge von vier Zeilen - aber die haben Haiku-Qualität.

"Tag für Tag
gerate ich tiefer
In die Landschaft hinein
die mich durchquert."


So viel zur Poesie des Herzens. Nun zur Prosa der Verhältnisse.

"Mehr Anpassung wagen!" fordert die Tageszeitung DIE WELT, formuliert ein "Lob der staatlichen Gängelung" und erklärt im Untertanen-Ton:

"Tempolimits, Überwachungskameras und Rauchverbote schränken nicht die Freiheit des Bürgers ein. Nur die des Lümmels."

Indessen verherrlicht der WELT-Autor Alan Posener bürgerliche Regeln und Konventionen mit derart käsigen Argumenten, dass wir ungesäumt zu dem Artikel "Es ist die Intelligenz, Dummkopf" in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG kommen können.

Dort bespricht Christian Weber das Buch "Intelligenz. Große Unterschiede und ihre Folgen" von Elsbeth Stern und Aljoscha Neubauer, deren "Botschaft" er so zusammenfasst:

"Wenn denn die Intelligenz derart wichtig für das Fortkommen des Einzelnen ist, dann gelte das auch für den Erfolg der Gesellschaft als ganzer. Sie plädieren daher dafür, jene ungefähr 15 Prozent der Bevölkerung, die bei einem Intelligenztest [ ... ] mit mehr als 115 Punkten abschließt, besonders zu fördern - damit diese ihr Potential auch erreichen."

Laut Stern und Neubauer bringt es ein Kind mit einem Höchstbegabten-Potential von 130 IQ-Punkten, das nie zur Schule gehen kann, schließlich nur auf 90 Punkte.

"Man ahnt, was Taliban-Gesellschaften entgeht, die Mädchenschulen in die Luft sprengen", kommentiert SZ-Autor Weber.

"'Wir dürfen nicht dumm und naiv sein'", zitiert die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG die chinesische Parteizeitung "Global Times".

Mark Siemons berichtet, dass die von Edward Snowden enthüllten Spionage-Aktivitäten der amerikanischen National Security Agency - sie hat auch in der Volksrepublik Computer gehackt - für die chinesischen Staatsmedien ein gefundenes Fressen sind.

"Für sie sind die liberalen chinesischen Intellektuellen, die sich für universelle Werte einsetzen, nichts als Verräter. Deren Reden hätten sich nun als pure Heuchelei entlarvt: 'Der amerikanische Traum ist nur ein Traum' [heißt es]. Höhnisch erinnern einige an den hohen Ton, mit dem sich Google in China seinerzeit von jeglicher Staatsüberwachung distanziert habe. 'Die sogenannten universellen Werte sind nur ein Stock, mit dem man andere Leute schlagen kann', schreibt ein Blogger. 'Aber man wagt nicht, damit den eigenen Herrn zu schlagen.'" -

Und was ist bei uns so los?

"In hundert Tagen wählen die Deutschen ein neues Parlament", weiß die FAZ und guckt sich in Person von Nils Minkmaar ein bisschen im Lande um:

"Wenn man sich die Deutschen heute anschaut und ihnen zuhört, dann trifft man eigentlich nicht auf angsterstarrte, reservierte Zeitgenossen, die bloß keinen Konflikt wollen, bloß keinen Wechsel an der Spitze. Es wird gerade wahnsinnig viel ausprobiert. Beruflich wie privat sind die Leute an Umstellungen gewöhnt, auch an Enttäuschungen. Sie testen viel, reisen, lesen, kommunizieren und recherchieren, es ist eine Lust am Aufbruch und am Neuen im Land, die eigentlich gar nicht zum Merkelschen Mantra der unaufgeregten Alternativlosigkeit passt."##

Was FAZ-Autor Nils Minkmaar da gut gelaunt in die Tastatur kloppt, ist einer dieser völlig faktenlosen Ansichts-Artikel, die zu leicht sind, um gewogen zu werden.

Aber egal, liebe Hörer. Wir wünschen Ihnen auf alle Fälle - mit einer SZ-Überschrift:

"Ein flottes Stück Leben."


 

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