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FAZIT - KULTURPRESSESCHAU

KULTURPRESSESCHAU

22.06.2006

Von André Hatting

Einen Weltmeister hat Deutschland schon. Franz Beckenbauer. Nicht nur war es 1974 als Spieler und 1990 als Teamchef, sondern auch 2006, zur WM im eigenen Land - außerhalb des Stadions. Denn Beckenbauer ist zurzeit so oft als Werbeträger im deutschen Fernsehen zu sehen wie kein anderer. Die Folge ist nicht nur, dass dieser Werbeweltmeister dem einen oder anderen Fußballinteressierten mächtig auf die Nerven geht. Sondern auch viel, viel Geld:

"20 Millionen Euro brutto",

rechnet die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG vor,

"20 Millionen Euro brutto sollen demnach die Unternehmen seit Januar 2006 für TV-Reklame mit dem Präsidenten des WM-Organisationskomitees ausgegeben haben."

Bleiben wir beim Fernsehen. Wechseln wir aber das Programm: Der staatliche italienische Sender Rai präsentiert besten Stoff für schlechte Pornos. Oder wie müssen wir das verstehen, was die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG schreibt?

"Eine Einladung zum Abendessen und ein Sofa - mehr braucht es nach Aussage eines Showgirls nicht, um eine Anstellung beim italienischen Staatsfernsehen Rai zu bekommen. Diese sachliche Beschreibung eines Vorgangs, bei dem mächtige Funktionäre sich ihr Entgegenkommen mit Sex entgelten lassen, entspricht so ziemlich der volkstümlichen Vorstellung, wie es in der Welt des Showgeschäfts so zugeht",

kommentiert die FAZ die Geschäftspraktiken des Staatsfernsehens und stellt ein paar amüsante Peinlichkeiten später die richtige Frage:

"Wieso sollte die Rai auch integrer sein als die Restgesellschaft, die derzeit vom Fußball über das Bankwesen und die Aristokratie von einer Welle schmieriger Skandale überrollt wird?"

Die italienischen Fußballer haben es trotz dieser Skandale in das Achtelfinale geschafft. Und trotz des Gastgebers. Der TAGESSPIEGEL hat zur Halbzeit der WM einen Blick in die ausländische Presse geworfen. In Italien ist man vom WM-Deutschland regelrecht angewidert:

Das "pingelige und gnadenlose" Deutschland lasse sich "gegen seine Natur" von "Fan- und Barbarenhorden" besetzen - überall werde bis zur Betrunkenheit gesoffen. Und die Deutschen seien auch noch "stolz auf dieses Durcheinander, vor allem auf die ekligen Müllhaufen, die nach den Bierpartys auf den öffentlichen Plätzen liegen bleiben",

schimpft "La Stampa" aus Turin. Klingt weniger nach "Zu Gast bei Freunden" als nach "Neulich in der Studenten-WG". Die Zeitung DIE WELT erinnert in ihrem Feuilleton-Aufmacher an die großen Wettkampfarenen der Antike. Wir lernen, dass zur Einweihung des Kolosseums 100-tägige Spiele stattgefunden haben. 50.000 Plätze hatte das Amphitheater in Rom geboten. Allerdings nur zum Stehen. Nicht nur deswegen hätte es den FIFA-Kriterien nicht genügt:

"Für Fußball-Festivitäten - und ein Fußballfeld von 105 mal 68 Metern - wäre das Kolosseum (…) mit seinem Innenraum von 54 mal 86 Metern zu klein. Aber mit dem mächtigen Oval, das gleichsam das Halbrund der antiken Theater verdoppelte, und mit der guten Sicht auf das Zentrum wurde ein Bautyp geschaffen, der nicht zu verbessern ist."

Am Freitag vor 100 Jahren wurde der Schriftsteller Wolfgang Koeppen geboren. Die Feuilletons gratulieren mal mehr, mal weniger ausführlich. Die BERLINER ZEITUNG merkt an, dass Koeppens Ruhm sich nicht nur der Trilogie "Tauben im Gras", "Das Treibhaus" und "Der Tod in Rom" verdanke, sondern auch seinen ungeschriebenen Werken:

"Zwar folgten einige kleinere Texte, darunter das autobiographische Fragment 'Jugend' (…). Auf einen weiteren Roman warteten seine Bewunderer jedoch vergeblich. (…) Die Geduld, die der Literaturbetrieb diesem Autor über Jahrzehnte hinweg entgegenbrachte, wäre heute wohl undenkbar."

Oder mit den Worten des Koeppen-Experten Christoph Haas:

"In einer singulären Weise gelang es diesem Autor, im deutschen Feuilleton dauerhafte Beschützungsphantasien und unerfüllbare Hoffnungen auszulösen."

Warum das so war, kann man in Haas' großartigem ganzseitigem Essay in der SZ nachlesen.

 

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