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FAZIT - KULTURPRESSESCHAU

KULTURPRESSESCHAU

27.08.2006

Von Ulrike Timm

Bevor Mathias Schreiber seinen 13 Seiten umfassenden Essay "Welt aus Schmerz und Stille" im SPIEGEL begann, hat er wohl erst einmal gegooglet. Der Autor widmet sich dem Thema "Angst", und die bittere Bibber-Wahrheit verrät ihm schon ein simpler Klick in die Internet-Suchmaschine:

"Über 52 Millionen "Angst"-Treffer in diesen Tagen. Das Stichwort "Freude" erreicht etwas mehr als die Hälfte."

Vielleicht sollte man ergänzen: Immerhin. Denn dem Lebens-Grundgefühl "Angst" widmet der SPIEGEL diese Woche seine Titelgeschichte in einer Ausführlichkeit, die die arme "Freude" wirklich nur noch bange machen kann.

"Die neue Nähe des Terrors und die vorwärts schleichende politische Stagnation drücken aufs Gemüt. Es gibt keine Panik, doch ein altes Leiden der Deutschen lässt grüßen: die Angst"

konstatiert der Autor, um dann, ausgehend von der aktuellen Situation, eine kleine Kulturgeschichte der Angst vorzulegen, die mehr umfasst als die viel bespottete "German-Angst":

"Deutsche wie Nichtdeutsche leiden etwa seit dem Verblassen der Aufklärung um 1800 zunehmend unter folgenden Angstmotiven."

Und dann folgt eine halbe Spalte von "Angst vor einer Welt ohne Gott" bis zu "Angst vor persönlicher Armut oder allgemeinem wirtschaftlichen Niedergang", und die existentielle Grundangst des Menschen wummert als Orgelton durch den gesamten Artikel, belegt mit Beispielen und Bemerkungen von Mittelalterexperten über Mentalitätshistoriker und Psychologen bis hin zur Kunst, von Freud und Kafka bis Ratgeber und Google…

Viel knapper, aber wie korrespondierend liest sich, was Christian Geyer in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG schreibt:

"Zurück zu den Knochen - Der allgegenwärtige Terror ist das Ende der Feinsinnigkeit"

heißt es in der FAZ, und weiter:

"Schauen wir hinter den Fenstern unserer Vorstadtzüge für einen Moment in die Zukunft der Evolution. Da müssen wir wieder ganz von vorn anfangen, müssen von den Steinzeitmenschen lernen, wie das geht: die permanente Habachtstellung. Wir werden insgesamt robuster werden; werden derbe Felle über der Psyche tragen; werden, angesichts der nun ganz nahe gerückten Dauerbedrohung, so manche evolutionär erworbene Feinsinnigkeit wieder verlieren."

Die Ratlosigkeit, die die beiden glücklicherweise vereitelten Kofferbombenattentate hinterlassen, weil sie einmal mehr vor Augen führten, wie schwer man sich vor Terror schützen kann, fasst die FAZ so zusammen:

"Ein nervöses Zeitalter beginnt."

Etwas mehr Furcht und Respekt vor dem Ort, an dem er seine Rede hielt, hätte man von Ministerialdirektor Hermann Schäfer wohl erwarten dürfen. So kam es zum Eklat. Schäfer hielt am Wochenende zur Eröffnung des Kunstfestes Weimar eine Rede zum "Gedächtnis Buchenwald", die sich ausschließlich dem Schicksal der deutschen Vertriebenen widmete und, einen Steinwurf von Buchenwald entfernt, die im KZ Ermordeten mit keinem Wort erwähnte. Seine Entschuldigung gegenüber der FAZ klingt fadenscheinig und schiebt die Verantwortung auf andere:

"Flucht und Vertreibung seien in der DDR ein Tabuthema gewesen. Die Publikumsreaktion sei vielleicht auch als Reflex auf dieses Verdrängen der Problematik in der DDR zu verstehen."

"Man konnte zuerst glauben, Schäfer habe das falsche Redemanuskript eingesteckt",

meint Julia Spinola in der FAZ. Jens Bisky urteilt in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG über Schäfers Auftritt in Weimar und seine Rechtfertigungsversuche schärfer:

"Entweder er ist unfähig oder unwillig. Beides spricht nicht für seinen Verbleib im Amt."

 

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