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FAZIT - KULTURPRESSESCHAU

KULTURPRESSESCHAU

20.06.2009

Von Jens Brüning

Die Unruhen in Teheran finden in den Feuilletons der deutschsprachigen Zeigungen vielfach Widerhall und verdrängten gar ein wenig den 80. Geburtstag von Jürgen Habermas.

"Revolutionen kann man nicht planen", lasen wir am Dienstag in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Gesagt hat das der Schriftsteller Sergio Ramirez, der vor dreißig Jahren half, die Diktatur aus Nicaragua zu vertreiben. Im Gespräch mit Sebastian Schoepp wies er auf das Wesen von Revolutionen hin: "Sie leben von Idealismus und Improvisationsgeist." Sie scheitern also in der Regel, fassen wir als Erfahrungsgewinn zusammen, sobald sich Machtstrukturen und Verkrustungen bilden. Manchmal, meinte Altrevolutionär Ramirez, reiche schon eine Steuerreform, um die schlimmsten Missstände zu beseitigen.

Das sind allerdings keine Ratschläge, die man gen Teheran und umliegende Gebiete twittern möchte. Rüdiger Schaper befürchtete am Mittwoch, die Erhebung der iranischen Opposition werde nicht in einem Marsch durch die Institutionen enden. Wir lasen im Berliner TAGESSPIEGEL: "Es wächst die Angst vor dem kurzen Prozess." Am Dienstag meldete sich der im Münchner Exil lebende iranische Schriftsteller Said in der Tageszeitung DIE WELT zu Wort. Er zeigte sich im Gespräch mit Wieland Freund skeptisch auch im Hinblick auf den Gegenspieler des triumphierenden Präsidenten Ahmadineschad: "Die Masse, die hinter Mussawi hergelaufen ist", lasen wir, "ist keineswegs homogen. Verbunden hat sie allein die Hoffnung, Ahmadineschad loszuwerden." In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG schrieb am selben Tag der in Köln lebende Schriftsteller Navid Kermani unter dem Titel: "Mullahs, Frauen, Säkulare. Alle sind geeint gegen Ahmadineschad." Am Ende dieses traurigen Resümees schrieb Kermani: "Die internationale Staatengemeinschaft kann den Wahlbetrug nicht beweisen. Aber die Indizien, dass es ihn gegeben hat, sind so stark, dass die Welt auf einer unabhängigen Untersuchung der Vorwürfe beharren muss." Außerdem forderte Kermani, "härtere Sanktionen zu verhängen, als man es bisher der eigenen Wirtschaft zumuten wollte." Es folgten viele Berichte von teilweise anonym bleibenden Journalisten oder Schriftstellern aus dem Iran, und man erfuhr über die Stimmung im Land, über Unregelmäßigkeiten vor den Wahllokalen, über Übergriffe auf Demonstranten auf den Straßen Teherans. Am Sonnabend berichteten zwei Korrespondenten der TAGESZEITUNG, kurz TAZ. Eine Galeristin und Übersetzerin erzählte ihnen von ihren Erfahrungen mit der staatlichen Zensur: "In Wahrheit haben die Zensoren furchtbare Angst vor Dingen, die ihnen vollkommen fremd sind." Und sie fügte hinzu: "Es sind das Unverständnis und die Dummheit, auf die man bei der Zensur stößt, die mir jeglichen Dialog als pure Zeitverschwendung erscheinen lassen."

In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG findet sich eine Tageschronik der Ereignisse in Teheran seit dem 13. Juni, geschrieben von Amir Hassan Cheheltan, der im Vorstand des iranischen Schriftstellerverbandes sitzt. Außerdem bedankt sich Nils Minmar bei den iranischen Demonstranten für einen besonders hintersinnigen Erkenntnisgewinn: "Aus der 'Achse des Bösen'", schreibt er, "lernen wir gerade, was Bürgerrechte wert sind. Wir dürfen längst wählen, aber gehen nicht hin. Wir haben freie Medien, müllen die tausend Kanäle aber mit Berichten über Boris Bohlen und Britney Palin zu. Und was die Zivilcourage angeht, könnte man glatt meinen, dass die Prügelbrigaden in unseren Unternehmen und Behörden, an unseren Universitäten und Rundfunkanstalten zu wüten drohen, den fröhlichen Demonstranten von Teheran aber bloß die Abmahnung." Minkmar kommt zu dem Ergebnis: "Unsere Werte werden gerade in Teheran verteidigt, und zwar unverlangt, unerwartet und hemmungslos. Und besser als von uns." Man wird diesen Artikel in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG noch einmal sehr genau studieren müssen, um herauszufinden, ob uns hier einer aus unvermuteter Ecke agitieren möchte, gegen große Koalitionen, Staatsbankrott und Banken-Willkür auf die Straßen zu strömen.

Das wäre wohl auch ein Thema der Woche gewesen, wenn nicht die Ereignisse im Iran die fröhlichen und traurigen Protokolldaten der vergangenen Tage überschattet hätten. Der Sozialphilosoph Jürgen Habermas feierte seinen 80. Geburtstag am Donnerstag, und am Vorabend starb Lord Ralf Dahrendorf, der im selben Fach, aber vor allem in der Tagespolitik überaus bedeutsam war. Beide standen im Dialog mit der studentischen Generation der sechziger Jahre, und beide bekamen in allen Blättern angemessen viel Platz eingeräumt. Der jüngere Kollege Claus Leggewie schrieb in seinem Nachruf auf Lord Ralf Dahrendorf am Freitag in der FRANKFURTER RUNDSCHAU: "Soziologie war für Dahrendorf keine Weltanschauung, erst recht keine Utopie, sondern stets unbequeme Aufklärung und Erfahrungswissenschaft." Und Jürgen Habermas rief am selben Tag dem Kollegen in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG nach: "So sollten wir ihn in Erinnerung behalten: als den beherrschten, den mutigen, den klaren Kopf, als den politisch denkenden Gelehrten, als den entschiedensten und weitsichtigsten Geist unserer Generation." Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG ehrte Dahrendorf als: "Deutschlands größter Liberaler - manche sagen: der einzige große."

Besonders originell geriet ein Geburtstagsständchen für Jürgen Habermas in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Der Münchener Verleger Michael Krüger war zu Besuch bei seinem Nachbarn Jürgen Habermas. Es wurde über den Weltuntergang und geeignete Maßnahmen dagegen debattiert, es gab zu Essen und zu Trinken, und als der Gast schon dachte, er sei in dem Teil der Welt gelandet, wo Milch und Honig fließen, war das Treffen fast zu Ende. Wir lasen am Donnerstag in der SZ: "Dann gab es Nachtisch. Auch ein Gespräch über Marillenknödel gehört zur kommunikativen Kompetenz."

 

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