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Menschen und Landschaften  23.04.2006 · 09:05 Uhr
Ein Schild warnt in einem Wald in der Nähe von Tschernobyl vor dem Genuss von gesammelten Beeren und Pilzen. (Bild: AP) Ein Schild warnt in einem Wald in der Nähe von Tschernobyl vor dem Genuss von gesammelten Beeren und Pilzen. (Bild: AP)

100 Kilometer vor Tschernobyl

Leben in Novosybkov

Von Kay Funke-Kaiser

Novosybkov ist eine südrussische Kleinstadt, rund 100 Kilometer von Tschernobyl entfernt. Am 26. April 2006 jährt sich zum zwanzigsten Mal das Datum, an dem im Block 4 des Kernreaktors in Tschernobyl die Brennstäbe schmolzen und eine gewaltige Explosion das 1000 Tonnen schwere Dach der Anlage einfach wegsprengte. Das Feuer, das sich entzündete, brannte fast 14 Tage und beförderte große Mengen radioaktives Material in die Luft. Die Wolken mit der gefährlichen Fracht regneten auch über Novosybkov.

Die Reaktorkatastrophe war der eine Schlag, der den Ort traf. Gorbatschow und seine Perestroika war der andere. Auf den ehemaligen russischen Präsidenten, der im Westen großes Ansehen genießt, ist hier kaum einer gut zu sprechen. Seine Reformen für Wirtschaft und Verwaltung führten zum völligen Zusammenbruch der Versorgung. In der ganzen Stadt gab es zeitweilig kaum mehr etwas zu kaufen. Hilfsorganisationen brachten Anfang der neunziger Jahre palettenweise Mehl, Zucker, Haferflocken, Milchpulver und Öl nach Novosybkov. Inzwischen gibt es wieder einen Wochenmarkt, auf dem neben Nahrungsmitteln auch wieder russische Textilien zu finden sind, "in guter Qualität", wie die Leute lobend betonen.

Novosybkov wurde nach der Reaktorkatastrophe nicht evakuiert. Die Werte waren bedenklich, doch die Behörden zögerten und die Menschen blieben. Novosybkov lebt seit 20 Jahren im Schatten der großen Weltgeschichte, deren Folgen die Menschen, mehr als ihnen lieb war, zu spüren bekamen.

Die Reportage erzählt
- die Geschichte von Pavel und Swetlana Wdowitschenko, die Beton mit Waschmittel reinigten, um den radioaktiven Regen abzuwaschen, und denen es gelang ein Leben zu führen, für das es ökonomisch eigentlich keine Grundlage mehr gab;
- die Geschichte von Elena Stolnaj, einer Ärztin im örtlichen Krankenhaus;
- die Geschichte Michail Petrowitsch, der in der Nähe einen ehemaligen landwirtschaftlichen Staatsbetrieb leitet;
- die Geschichte von Sascha, einem Messtechniker im örtlichen Gesundheitsamt.

Die Reportage erzählt, wie es den Menschen in Novosybkov gelang, ihren Lebensmut nicht zu verlieren und wieder neue Hoffnung zu schöpfen, auch wenn sie weiter mit der radioaktiven Strahlung leben müssen.

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