Verstaubte Vitrinen, langweilige Schrifttafeln: In den Museen, die der britische Architekt und Wahlberliner Thomas Duncan einrichtet, findet sich nichts davon. Seine Spezialität sind "narrative spaces" - Erzählräume, die in Industrielandschaften, Landschaftsmuseen und Kunstsammlungen Geschichte erfahrbar werden lassen. Sein neuestes Projekt, das Ziegeleimuseum Mildenberg nördlich von Berlin, wurde jetzt eröffnet.
"Ich finde, die Landschaft hat eine sehr schöne Breite, dass man ein sehr großes Horizont hat ... teilweise leicht hügelig, ich genieße das."
Auch auf der x-ten Fahrt mit dem Regionalzug von Berlin Richtung Norden nach Zehdenick unterwegs zum Ziegeleimuseum Mildenberg, dem letzten Projekt seines Architekturbüros, langweilt den gebürtigen Briten und Wahlberliner Thomas Duncan die Landschaft kein bisschen.
"Ich bin auch auf dem Land aufgewachsen, in einem Dorf, ich genieße sehr, eine Stille zu haben, ich mag sehr gerne in Seen zu baden, Fahrrad zu fahren."
Ausstellungsinstallation von Thomas Duncan und Noel McCauley im Ziegeleipark Mildenberg. (Bild: Jan Bitter)
Wenn Thomas Duncan nicht hinter dem Steuer seiner alten "Triumph"-Limousine sitzt. Die Liebe zu alten britischen Autos ist das einzige ausgefallene Hobby, das er sich leistet. Auf die Frage nach weiteren typisch britischen Marotten schüttelt er verlegen lächelnd den Kopf. Nein, wie ein Exzentriker sieht Duncan nicht aus. Jeans, Wetterjacke, Seitenscheitel: Seine 42 Jahre sieht man ihm nicht an. Noch immer wirkt Duncan wie der Typ freundlicher Klassenbester, der die anderen immer abschreiben lässt.
"Ich muss nicht 'centre of attention' sein. Ich muss nicht in der Mitte stehen."
Seinem zweiten Hobby, Saxophon spielen, hat er seine allererste Berlin-Erfahrung zu verdanken:
"Als ich 18 war, war ich schon mal in Berlin. Ich habe eine Tour gemacht mit einem Jugendorchester und eigentlich habe ich einen komischen Eindruck von Berlin bekommen. Das hat mir damals nicht so gefallen: Ich hab das so gesehen als eine Insel von Hedonism in einer See von Kommunismus."
Fast ein Vierteljahrhundert später erzählen Thomas Duncan und sein Partner Noel McCauley im Ziegeleimuseum Mildenberg ein Kapitel aus der kommunistischen Industriegeschichte der DDR.
"Es geht um die Strukturierung von Information - wir haben sehr viel mit Klang gearbeitet, aber auch Film. Ich bin sehr daran interessiert, wie Film und Architektur sich ergänzen kann, um eine Erzählung zu machen.
Erweiterungsbau am Ziegeleimuseum von Thomas Duncan und Noel McCauley im Ziegeleipark Mildenberg. (Bild: Jan Bitter)
Man hört im großen Ringofen das Feuer immer näher kommen und später, wie die Arbeiter die fertigen Ziegel aus dem Ofen räumen. In einem Spielfilm erzählt Duncan die Geschichte eines "Brigadetagebuchs". "Narrative Space", erzählender Raum nennt er sein Konzept. Die Idee dazu verdankt Duncan gewissermaßen seiner Wahlheimat Berlin. Als er Anfang der 90er Jahre zum zweiten Mal in die Stadt kam, war der Brite beeindruckt von den Spuren der Geschichte im Stadtbild.
"Meine Freundin damals ist nach Berlin. Sie war auch Architektin. Sie wollte nur für sechs Monate kommen und wollte das auch alleine machen. Aber das war eine Zeit '92, als sehr wenig Arbeit war in Großbritannien und Berlin war die absolute Boomtown. Die Freundin ist dann wieder nach England gegangen, aber ich bin in Berlin geblieben."
Sein erstes richtiges Haus baute Thomas Duncan dann allerdings nicht in Berlin, sondern im Filmpark Babelsberg, ein typisches Bauwerk aus der westdeutschen Kinderfantasiewelt:
"Oh, wie schön ist Panama" (Zeichentrickfilm)
"Das erste Haus, was wir gemacht haben, war, als ich in den Filmstudios tätig war, hab ich ein Teil vom Filmpark mitgebaut. Der "Oh, wie schön ist Panama - Janosch Park" und da hab ich die Janosch-Häuser gebaut."
Duncan besuchte Janosch auf Mallorca und lernte alles über gestreifte Enten, Onkel Popoff, den Tiger und seinen Freund, den Bären.
Seitdem hat Thomas Duncan viele erzählende Räume zu deutschen Themen gebaut: Für das Centrum Judaicum in Berlin-Mitte gestalteten er und sein Kollege eine Ausstellung zu Einstein. Für den Schlosspark von Muskau erfanden die beiden eine multimediale Museumsshow zu Fürst Pückler.
"Deutsche Geschichte fasziniert mich, weil ich hier wohne, das ist die Geschichte, die um mich herum ist. Deutschland hat viel Geschichte. Wenn ich mit einem Projekt anfange, dann ist das alles neu für mich."
Auf dem schmalen Grat zwischen spröder Schautafel-Optik und Vergnügungspark-Inszenierung lassen ihre Museumskonzepte den Besuchern immer noch genug Raum für eigene Vorstellungen.
Bei aller Liebe zur Geschichte: Mit einem Bauvorhaben in seiner Berliner Wahlheimat kann sich Duncan allerdings überhaupt nicht anfreunden.
"Wenn das Schloss tatsächlich gebaut würde, diese Kulissenarchitektur mitten in der Stadt, vielleicht ist dann der Zeitpunkt gekommen, diese Stadt zu verlassen, vielleicht nach Amerika, etwas ganz anderes."
Welches Fantasieprojekt fällt Thomas Duncan als Alternative zum Schloss-Neubau ein?
"Vielleicht wäre es eine Riesenachterbahn, die sich um den TV-Turm schlängelt. Es wird auch teilweise davon unterirdisch sein. Damit könnte man auch die Änderung der Stadt dokumentieren."
Ein paar dieser Änderungen haben Thomas Duncan und Noel McCauley für Museen nacherzählt. Kein Wunder, dass Thomas Duncan die Frage nach seiner Heimat seit ein paar Jahren anders beantwortet, als es in seinem Pass steht.
"Ich bin Berliner… auf jeden Fall!"
Mehr zur Sendung:
Beiträge zum Nachhören
Profil
Profil: Jens Thomas, Jazzpianist und Theatermusiker
Sendezeit: 08.02.2012, 10:53
Profil: Heide und Christian Schwochow, Drehbuchautoren
Sendezeit: 07.02.2012, 10:53
Profil: Alexander Gerst, Astronaut
Sendezeit: 06.02.2012, 10:53
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