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07.06.2013 · 18:07 Uhr
Die Fahnen der teilnehmenden Nationen der U21- EM wehen vor dem HaMoshava Stadion in Petach Tikva, Israel (Bild: picture alliance / dpa / Roland Weihrauch) Die Fahnen der teilnehmenden Nationen der U21- EM wehen vor dem HaMoshava Stadion in Petach Tikva, Israel (Bild: picture alliance / dpa / Roland Weihrauch)

Fußball-WM für Olim Chadashim

Meisterschaft mit mehr als 200 jüdischen Neueinwanderern

Von Lissy Kaufmann

In dieser Woche hat in Israel die U21-Europameisterschaft begonnen. Zeitgleich findet in Tel Aviv noch eine Fußball-WM statt. Zwei Monate dauert sie und heißt: "Mundial". Die 200 Teilnehmer sind größtenteils Neueinwanderer in Israel und spielen für die Teams ihrer Heimatländer..

Viertel vor acht auf dem Fußballplatz im Süden Tel Avivs: Die Schweiz läuft sich schon warm, während Sudan gerade erst eintrudelt. 24 Länder spielen bei der Weltmeisterschaft an diesem Abend nacheinander auf drei kleinen Fußballfeldern jeweils fünf gegen fünf. Die Meisterschaft heißt Mundial, die mehr als 200 Teilnehmer sind überwiegend Olim Chadashim, jüdische Neueinwanderer.

Die Hobbyfußballer treten größtenteils für die Teams ihrer Heimatländer an. Gewinnen steht nicht im Vordergrund, erklärt der Gründer der Meisterschaft, der Italiener Yasha Maknouz:

"Allen voran geht es um Integration: Flüchtlinge mit Einheimischen zusammenzubringen. Außerdem ist das Turnier ein reales soziales Netzwerk. Wir versuchen ständig, virtuell über Facebook oder LinkedIn Kontakte herzustellen. Und plötzlich trifft man an einem Abend 300 Menschen aus aller Welt, die hier leben. Du kannst Fragen loswerden und mit allen in Kontakt treten."

Zwei Monate lang treffen sich die jungen Neueinwanderer einmal wöchentlich zum Fußballspielen. Und wenn nicht gerade Weltmeisterschaft ist, managt Yasha die Ghettons League, eine Art Champions League für Olim Chadaschim, die ebenfalls wöchentlich ausgetragen wird. Das alles organisiert Yasha in seiner Freizeit:

"Es kostet viel Energie, aber wenn man motiviert ist, kann man alles erreichen. Heute Abend spielt mein italienisches Team gegen Sudan, für mich ist das ein perfekter Start, das gibt mir viel Motivation und Energie."

Einer der Spieler, der sowohl in der Ghettons League als auch bei der Weltmeisterschaft mitspielt, ist der 32-jährige Mike aus Basel:

"Ja, Stimmung ist richtig gut wirklich, ein gutes Zusammensein mit allen, fühlt sich wie richtig großes Turnier an. Wir haben ein bisschen trainiert, aber das Problem ist, wir haben jede Woche ein neues Team basically, weil wir haben, die Leute aus Jerusalem kommen, aus dem Norden auch. Und die kommen nicht jede Woche."

Viele Spieler haben die Originaltrikots ihres Landes an. Andere tragen zumindest T-Shirts in den entsprechenden Farben. Nur die Schweizer tragen orangefarbene Trikots, was verdächtig nach Holland aussieht:

"Hehe, wir spielen zusammen mit den Holländern."

Denn nicht aus allen Ländern sind genügend Spieler am Start. Die Holländer und die Schweizer haben bereits bei der Ghettons League, also der Champions League für Olim zusammengespielt und sind damals als Holländer aufgetreten. Diesmal machen sie es andersrum. Da parallel die offizielle Europameisterschaft der unter 21-Jährigen in Israel stattfindet, konnte Yasha die UEFA und die Israelische Fußballorganisation als Unterstützer gewinnen. Sie liefern die Bälle und leihen die offiziellen Schiedsrichter aus. Und wie bei einer EM, so ertönen auch bei der Mundial vor jedem Spiel die Nationalhymnen.

Die italienische Hymne ist gleich drei Mal zu hören. Weil sich so viele Einwanderer aus Italien gemeldet hatten, musste Yasha zusätzliche Mannschaften aufstellen: So spielen auch San Marino und ein U21-Team.

Auch ein Fußballpromi schaut vorbei

Dann geht es los. Länder wie Paraguay, Argentinien und Marokko sind vertreten, es wird auf Spanisch, Italienisch oder Hebräisch gerufen. Zuschauer fehlen der Meisterschaft allerdings noch. Immerhin: Ein Fußballpromi schaut an diesem Abend vorbei.

Der ehemalige Torwart der israelischen Nationalmannschaft, Bonny Ginzburg - mittlerweile arbeitet er für eine Sportsendung. Sein Herz schlägt noch immer für den Fußballsport:

"Wir haben hier sogar eine Kopie des echten Weltmeisterschaftspokals. Die Jungs sind glücklich, sie spielen Fußballs, die Stimmung ist großartig. Es ist schön zu sehen, dass sie die Nationalhymnen singen, wie bei einer kleinen Weltmeisterschaft."

In der letzten Runde des Abends spielt Deutschland gegen das italienische U21-Team. Zunächst sieht es gut aus für die deutsche Mannschaft, die ein bunt gemischter Haufen ist. Italiener, Amerikaner, Schweizer und nur ein Deutscher spielen an diesem Abend mit. Doch am Ende müssen sich die Jungs in Weiß den Italienern 4:5 geschlagen geben.

"Wir haben zur Halbzeit 3:1 geführt und eigentlich hätten wir es gewinnen müssen. Aber wir haben das Spiel dann einfach laufen lassen und dachten, wir gewinnen so oder so. Und es hat am Ende nicht gereicht, weil die haben dann noch ihre Kontertore, und wir haben nicht wirklich aufgepasst, wir haben einfach zu arrogant gespielt, so war das."

Sagt der 23-jährige David, der ursprünglich aus Frankfurt kommt. Er ist begeisterter Fußballer auf dem Platz und vor dem Fernseher.

"Ja, ich bin mit dem Fußball aufgewachsen, also alle meine Freunde waren Fußballfans, wir sind alle zusammen ins Stadion gegangen, haben die Eintracht aus Frankfurt unterstützt. Und auch in der Schule habe ich immer gespielt."

Dass an diesem Abend auch die deutsche Nationalhymne gespielt wurde, fühlt sich für David seltsam an:

"In Deutschland ist das sowieso so, dass man so eine Identitätsstörung hat, also man nicht wirklich weiß, wie gut man oder wie weit man zu Deutschland stehen soll. Und als jüdischer Deutscher ist das noch mal eine ganz andere Geschichte, sehe ich jedenfalls so. Deswegen habe ich Schwierigkeiten. Ich hätte die israelische Nationalhymne gerne gesungen, aber die deutsche singe ich ungern."

Für heute gehen auf dem Bolzplatz im Süden Tel Avivs die Flutlichter aus. Auch wenn er selbst nicht gespielt hat: Yasha sieht müde aus, aber glücklich. Viel Zeit zum Ausruhen hat er nicht, denn in einer Woche geht es schon in die zweite Runde.


 
 

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Fußball-WM für Olim Chadashim - Meisterschaft mit mehr als 200 jüdischen Neueinwanderern

Sendezeit: 07.06.2013 18:07

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