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14.06.2013 · 18:07 Uhr
Skalitzer Straße in Berlin-Kreuzberg Skalitzer Straße in Berlin-Kreuzberg

Was Muhammat über Juden weiß

Schulprojekt des Jüdischen Museums im Problemkiez

Von Otto Langels

Das Jüdische Museum in Berlin hat eine Schulpatenschaft für eine Sekundarschule im Stadtteil Kreuzberg übernommen. Die meisten Schüler dort haben einen muslimischen Hintergrund. Viele pflegen krasse Vorurteile gegenüber anderen Kulturen.

"Wir werden jetzt noch mal wiederholen, was wir die letzte Woche gemacht haben, also die grundlegenden Informationen zur Beschneidung im Islam, im Judentum oder die Nichtbeschneidung im Christentum. Im Judentum nennt man das die Brit Mila, der Bund der Beschneidung. Wenn man geboren wird, acht Tage später muss man das machen."

Geschichtsunterricht in der 9. Klasse der Integrierten Sekundarschule Skalitzer Straße in Berlin-Kreuzberg. 14 Schülerinnen und Schüler haben sich für die "Geschichtswerkstatt" als Wahlpflichtfach entschieden, ein Pilotprojekt der Schule in Kooperation mit dem Jüdischen Museum Berlin. Das Museum hat eine zunächst auf vier Jahre angelegte Patenschaft übernommen, um die historischen, kulturellen und sozialen Kompetenzen der Schüler zu fördern.
Fabian Schnedler leitet das Projekt.

"Es ging einerseits um die Verankerung des Jüdischen Museums in dem Kiez, in der Gegend, wo sich das Jüdische Museum befindet, also Kreuzberg; und auf der anderen Seite war auch klar, dass man eine Schule nimmt mit bildungsbenachteiligten Schülern."

Was konkret heißt, dass viele Schüler Eltern haben, die geschieden sind, keine Arbeit finden, soziale Unterstützung benötigen und kaum Deutsch sprechen. Die Kinder wachsen in einem schwierigen Umfeld auf, haben Probleme im Unterricht und verlassen die Schule häufig ohne Abschluss.

Heinrich Meise ist Lehrer an der Sekundarschule Skalitzer Straße und begleitet die Geschichtswerkstatt des Jüdischen Museums:

"An unserer Schule ist eine Schülerschaft, die zu 95 Prozent aus Migrantenfamilien stammt, aus der Türkei, Libanon, aus anderen Ländern in Nahost. Wir meinen, dass sie sehr verhärtete, verfestigte Meinungen haben über andere Kulturen, andere Religionen."

Der Großteil der Schüler kommt aus muslimischen Familien. Einige fielen in der Vergangenheit durch provozierendes Verhalten auf, ein ehemaliger Schüler wurde sogar wegen eines sogenannten Ehrenmordes verurteilt.

Zum Beispiel war schon am 11. September 2001 hier an der Schule ein Vorfall, dass die Taten von Al Quaida begrüßt wurden von Schülern. Dann gab es diese Ehrenmordgeschichte mit Hatun Sürücü, wo der Mörder, ihr Bruder, auch Schüler an unserer Schule war.

Nicht zuletzt wegen dieser Ereignisse suchte die Schule nach neuen Wegen im Umgang mit schwierigen, vorurteilsbehafteten Jugendlichen. Die Schulleitung nahm daher gerne die Patenschaft des Jüdischen Museums an, weil sie sich davon nicht nur neue Gesichter, sondern auch originelle Ideen verspricht.

Von den Schülerinnen und Schülern, die in der 9. Klasse ein Wahlpflichtfach belegen müssen, entschieden sich 14 für die Geschichtswerkstatt. Drei hatten zuvor bereits an einer Menschenrechts-Arbeitsgemeinschaft teilgenommen und dabei Israel besucht. Sie brachten also Vorkenntnisse mit in den Unterricht von Vera March Berg, Mitarbeiterin des Jüdischen Museums. Die Pädagogin verwendet unkonventionelle Methoden, lässt die Schüler zum Beispiel auf der Straße Interviews führen, plant ein kleines Filmprojekt und Begegnungen von muslimischen und jüdischen Jugendlichen.

"Sehr positiv überrascht hat mich die Offenheit der Schüler und auch das Interesse der Schüler. Sie wollen wissen, sie sind wissbegierig. Die Vorbehalte und die Stereotypen, die sich bei diesen Schülern finden, sind nicht mehr oder weniger als die Vorbehalte und Stereotypen, die sich bei der Allgemeinheit finden."

An der Geschichtswerkstatt nehmen zum Beispiel Sara und Muhammat teil. Sie ist in Deutschland geboren, ihre Familie kommt aus dem Südlibanon, er ist in Damaskus geboren, seine Eltern sind Flüchtlinge aus Palästina. Die Familie lebt seit 14 Jahren in Deutschland.

Sara: "Es gab mehrere Sachen zur Auswahl, aber ich hab' halt diese Geschichtswerkstatt genommen, weil die hat was mit Juden zu tun, weil es auch sehr interessant ist, Religion."

Muhammat: "Und ich hab's halt gemacht, weil ich Palästinenser bin und mich da auskenne."

Auskennen heißt im Fall von Muhammat, dass er sein Wissen vorwiegend per Sattelitenschüssel aus arabischen Fernsehprogrammen bezieht. Entsprechend einseitig ist sein Bild über den Nahostkonflikt, Israel und Juden.

Heinrich Meise: "Dass wir jetzt mit dem Jüdischen Museum zusammenarbeiten, finde ich geradezu genial, weil gerade die Einstellung gegenüber dem Judentum ist bei einigen Schülern sehr negativ besetzt. Diese Schüler haben aber noch nie irgendeinen Kontakt mit dem Judentum als solchem beziehungsweise mit Juden gehabt."

Begegnungen mit Juden und Besuche im Jüdischen Museum gehören daher auch zum Konzept der Geschichtswerkstatt. Das Jüdische Museum kann mit seiner Patenschaft sicherlich nicht alle Jugendlichen der Sekundarschule Skalitzer Straße erreichen, insbesondere nicht, wenn deren Weltbild verhärtet ist. Wer sich aber, wie Muhammat und Sara, für die Geschichtswerkstatt entschieden hat, zeigt damit zumindest sein Interesse an jüdischer Geschichte, Religion und Kultur.
Take 8 Muhammat, Sara, Meise, Muhammat 1.00
Alles, was mit Israel zu tun hat, z.B. die alte Geschichte mit dem Dritten Reich, mit dem Zweiten Weltkrieg, kommt auch noch, mit dem Falastine, was da jetzt passiert ist, 1948 ungefähr, wir reden über das alles. -

Sara: "Wir haben auch gelernt, dass es sehr viele Gleichheiten im Islam und im Judentum gibt - zum Beispiel, dass die von rechts nach links lesen, oder dass die halt beschnitten werden, sowas. Es gibt ja koscher, und im Islam ist ja halal. Und da ist es so, dass kein Blut im Fleisch sein darf. Und das haben die auch, das ist auch eine Gemeinsamkeit."

Heinrich Meise: "Ich stelle fest, dass die Schüler sehr gut und sehr motiviert mitarbeiten hier in dem Kursus, und dass einige Schülerinnen auch schon dazu gekommen sind, bestimmte Dinge etwas differenzierter zu sehen, als das am Anfang der Fall war."

Muhammat: "Hier an der Schule sind die meisten so Palästinenser, Moslems und so, die denken auch schlecht für die Juden. Deshalb war es eine gute Idee, so richtig mal zu zeigen, wie die Juden eigentlich wirklich gelebt haben, wie die leben, wie die wirklich sind."


 
 

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Sendezeit: 14.06.2013 18:20

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