Beim Computerspiel "Im Zentrum der Macht" ist das Kanzleramt das Ziel. Doch bis nach Berlin ist es ein langer Weg: Die politische Karriere der Spieler beginnt in einem bayerischen Dorf. Von dort aus müssen sie sich im demokratischen Wettstreit gegen ihre Mitspieler durchsetzen.
"Im alten Griechenland, vor über 2000 Jahren, wurde eine Idee geboren, welche die Welt verändert hat, wie keine vor ihr. Die Idee der Demokratie. Ihre Vorzüge: Herrschaft auf Zeit, Wettstreit der Argumente, Transparenz, Rechtsstaatlichkeit und Konfliktbewältigung ohne Gewalt. Nimm die Herausforderung an und werde ein herausragender Repräsentant der Bundesrepublik Deutschland."
Mai 2015. In einem kleinen Dorf in Deutschland stellt sich ein politisches Talent zum ersten Mal zur Wahl. Als Bürgermeister einer bayerischen Gemeinde geht es darum, nach den Spielregeln der parlamentarischen Demokratie politische Macht aufzubauen. Wenn das klappt, gewinnt der Spieler die Wahlen, kann Ministerpräsident und schließlich Bundeskanzler werden. Zielgruppe: Politisch interessierte Jugendliche ab zwölf Jahren. Paula und Laura sind 13, und starten gerade in Bayern ihre Karrieren als spätere Bundeskanzlerin. Ein Vorbild haben zurzeit ja gerade Mädchen:
"Angela Merkel hat sich ja jetzt zum Schutz für Kinder eingesetzt und das find ich gut. Find ich besser, als wenn jetzt 'n Bundeskanzler ganz scharf drauf ist, 'ne neue Autobahn zu bauen."
Paulas und Lauras erstes Wahlversprechen kommt bei den Bürgern gut an:
"Und, verehrte Künzelsbacher Bürgerinnen und Bürger: Ich gebe Ihnen mein Wort, dass wir innerhalb von zwei Jahren einen Kindergarten bauen."
Aber auch auf dem Arbeitsmarkt wollen die beiden Punkte machen. 500 zusätzliche Arbeitsplätze wollen Paula und Laura ihren Wählern versprechen, doch wie schafft man das in einer kleinen Gemeinde?
"Das Dorf muss aus seinem wirtschaftlichen Dornröschenschlaf geweckt werden. Es geht darum, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Und ich verspreche Ihnen, dass wir innerhalb von zwei Jahren 500 neue Arbeitsplätze schaffen. - Applaus. - Ich glaub nicht, dass man dadurch 500 Arbeitsplätze schafft. - Also, 200 gehen da bestimmt schon weg oder fast 300. - Ja okay, man kann 'n bisschen bauen, und dann kann man welche für den Kindergarten selbst nehmen, also mit 300 Jahren würd' ich nicht nehmen. - Dann von zwei Jahren, okay? - Können wir machen."
Und nun geht es los im fiktiven bayerischen Künzelsbach. Wenn die beiden ihre Wahlversprechen halten, werden sie wieder gewählt. Das ist der Clou des Spiels, sagt Carsten Kindermann aus dem Bereich "Digitale Medien" im Cornelsen-Verlag:
"Das Interessante, was wir geschaffen haben, ist, dass der Spieler selber Versprechen abgibt, selber auch entscheidet, was ihm wichtig ist, das Spiel das nicht starr vorgibt, es gibt immer ne Auswahl, aus der der Spieler sagen kann: 'Ah, das ist meine Position, die möchte ich vertreten', und er dann am Erreichen dieser Ziele gemessen wird. Das heißt, 'Ich will so und so viele Kindergärten bauen und hier soll ein Landschaftsschutzgebiet entstehen', und dann muss er das dann auch finanzieren können, durch die Gremien durchbekommen, und wird dann bei der nächsten Wahl, die immer näher rückt, daran gemessen und davon hängt natürlich auch der Fortschritt im Spiel ab."
Im Computerspiel "Im Zentrum der Macht" werden politisch schwer wiegende Entscheidungen getroffen. Ganz alleine gelassen wird der Spieler aber an keiner Stelle. Er hat Berater und Parteifreunde:
"Vielleicht war Ihr Auftritt ein bisschen zu vorsichtig. Aber dass Sie keine falschen Wahlversprechungen machen wollen, das ehrt Sie."
Der Spieler hat aber auch eine ernst zu nehmende Konkurrenz: Journalisten, Vertreter der Opposition und einen innerparteilichen Konkurrenten. Wer's schafft, hat vielleicht das Zeug zum Kanzler:
"Ob er's in der realen Welt hat, das spielen ja noch 'n paar Skills, wie man heute so schön sagt, ne Rolle, aber er lernt zumindest die Grundzüge, und zwar nicht nur trocken, wie steht das so im Gesetz, wie Politik funktionieren sollte, sondern lernt durchaus, dass man Kompromisse schließen können muss, dass man Mehrheiten gewinnen muss, auch mit der Opposition n gutes Verhältnis haben muss, also durchaus auch so die weichen Faktoren, die Politik zu einem gehörigen Maß mit ausmachen. Wir versuchen schon, diesen Prozess, dass, wenn ich in der Politik etwas bewegen möchte, dass ich nicht einfach auf'n Tisch hauen kann, sagen: So mach ich das jetzt, sondern dass da einfach Verfahren und Prozeduren hinter stehen, die man durchspielen muss, und das wird auf eine spielerische und unterhaltsame Weise nachempfunden."
Hinter dem Spiel steht neben dem Cornelsen-Verlag für Bildungs-Medien die Bundeszentrale für politische Bildung, und weil aufwändige Computerspiele sehr teuer in der Produktion sind, auch das ZDF. Projektleiter Vicente Arioli war neben realistischen Spiel-Inhalten eine wirklichkeitsnahe Grafik sehr wichtig:
"Wir können auf keinen Fall jugendliche Spieler erreichen wollen und denen 'ne dröge Grafik anbieten, die Sehgewohnheiten der Jugendlichen sind sehr anspruchsvoll und dann haben sie eine gewisse Erwartung damit verbunden. Und zwar eine schöne Grafik, bisschen Gruseleffekt und dass sehr vieles passiert auf der Simulationsebene. Wir wollen nicht den Vergleich scheuen mit anderen Produkten, was die Grafik anbelangt. Da haben wir auf High-End-Technologie gesetzt und hoffen, dass es auch bei dem Publikum ankommt."
1,4 Gigahertz sollte der Pentium-Prozessor schon haben und der Rechner muss mit mindestens einem halben Gigabyte Arbeitsspeicher werkeln, sonst kommt das Spiel nicht richtig in Schwung. Aber das sind Werte, über die jugendliche Gamer nur lachen können.
Software-Tester Helmut Meschenmoser hat "Genius - Im Zentrum der Macht" durchgespielt, und bescheinigt dem Programm durchweg gute Noten, denn es interessiert junge Menschen für die Politik:
"Ich würde es unbedingt für Jugendliche empfehlen, weil viele Jugendliche eine große Distanz zur Politik entwickeln. Sie können das nicht durchschauen, sie müssten nach konventionellen Methoden zu viel auf Vorrat lernen, um Verständnis zu haben für bestimmte komplexe Entscheidungen, und die können sie hier im Spiel entdecken und können sich dadurch, dass es immer schwieriger wird, auch immer größeren Herausforderungen stellen und Analogien ziehen. Ich würde aber sagen, man sollte das in Beziehung setzen zu einer guten Demokratieerziehung in einer Schule. Wenn man das in Beziehung setzt, dann kommt dadurch ein höherer Wert raus."
Paula und Laura arbeiten noch an ihrer Karriere der zukünftigen Kanzlerin. Das Spiel macht ihnen Spaß:
"Ja, auf jeden Fall. Ich finde, dass man dadurch ziemlich viel lernt, und dadurch herausfindet, was man so alles als Politiker machen muss und wie der Staat aufgebaut ist und so. Ich glaube, dass es den Geschichtsunterricht nicht ersetzen kann, aber man kann dadurch den noch erweitern."
Das Spiel hat sogar eine vorausschauende Komponente: Die Handlung setzt im Jahr 2015 ein, und im dritten Level, als Ministerpräsident regiert man ein neues Bundesland. Sein Name: Berlin-Brandenburg.
Genius - Im Zentrum der Macht
Politik-Aufbausimulation auf DVD
Cornelsen-Verlag
24,95 Euro
Systemvoraussetzungen: Windows-PC, Pentium 3 mit 1,4 Ghz und 512 MB Ram