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05.02.2010
 "Kabale und Liebe" wird am Deutschen Theater aufgeführt. (Bild: Stock.XCHNG) "Kabale und Liebe" wird am Deutschen Theater aufgeführt. (Bild: Stock.XCHNG)

Spannungslose Stunden

Stephan Kimmig zeigt Schillers "Kabale und Liebe" am Deutschen Theater

Von Hartmut Krug

Was der Regisseur Stephan Kimmig an Schillers Stück inszeniert hat, wird nicht recht deutlich. Der Wandel in den sozialen Unterschieden von der Ständegesellschaft zur neoliberalen Demokratie wird jedenfalls nicht auf der Bühne gezeigt, sondern im Programmheft umkreist.

In der tragisch endenden Liebesgeschichte zwischen dem adligen Ferdinand und der bürgerlichen Luise spiegelt sich in Schillers bürgerlichem Trauerspiel "Kabale und Liebe" die Entwicklung eines bürgerlichen Selbstbewusstseins. Heute verlangt das Stück auf der Bühne einen deutlichen interpretatorischen Zugriff, weil es nicht als historisch erklärendes Dokument wichtig ist, sondern durch seine Spielweise die alten Konflikte als auf andere Weise in unserer Zeit existierende zu verdeutlichen vermag. Meist aber nehmen heutige Inszenierungen das Stück als zeitlose Liebesgeschichte oder bieten es als reißerischen Krimi an.

Was der Regisseur Stephan Kimmig an Schillers Stück inszeniert hat, wird nicht recht deutlich. Der Wandel in den sozialen Unterschieden von der Ständegesellschaft zur neoliberalen Demokratie wird jedenfalls nicht auf der Bühne gezeigt, sondern im Programmheft umkreist, - mit Texten über gesellschaftliche Ausgrenzung und Eliten. Bühnenbildnerin Katja Haß hat die Bühne als eine Art Baumarkt-Schauraum gestaltet: Die Bühne ist ein leeres Zimmer aus heller Hartfaser, dessen Wände, Boden und Decke mit unzähligen Türen versehen sind. Auf dieser sperrhölzernen Undeutlichkeitsmetapher wird nun von den jungen Leuten viel herumgeturnt, mal kommt man von oben links, mal von seitlich unten rechts, und später rotieren einzelne Elemente der Wände. Das ergibt bildhafte, aber nicht sinnhafte Effekte, oder im besten Fall, wie oft bei Kimmig, plakative Szenen, so, wenn Ferdinand und Luise sich im Liebeschwang mit einer Wand drehen, auf der sich hoch oben der Intrigant Wurm festklammert.

Alexander Khuon gibt diesen Wurm als ein in sein Kostümfutteral gepresstes blasses Klischee, währende Ole Lagerpusch seinen Ferdinand zwischen statischer Unbeweglichkeit und expressiv übersteigerten, sprachlich-gestisch undeutlichen Ausbrüchen schwanken lässt. Lisa Hagmeister zeigt den inneren Zwiespalt ihrer in einen Business-Hosenanzug gekleideten Lady Milford durch ein merkwürdiges körperliches und sprachliches Taumeln, während Claudia Eisinger ihrer Luise einerseits eine innere Standhaftigkeit, andererseits aber mit einer Flenn-Fleppe auch allzu viel mimische Zerknautschtheit mitgibt. Im Zentrum aber steht Ulrich Matthes als Präsident von Walter als ein Manager der Macht, der seine Haltungen mit Schillers Text wunderbar versinnlicht, - wobei nur wenig stört, dass man Matthes' Darstellungsweise aus anderen Rollen zu kennen glaubt.

Die Schwäche des Abends rührt nicht nur aus der leeren Stärke des Bühnenbildes, sondern auch aus der dramaturgischen Unentschiedenheit der Regie her. Es scheint durchaus sinnvoll, die Figur von Luises Mutter zu streichen, weil Kimmig sowohl die enge Vaterbindung Luises als auch eine gestörte Liebe Ferdinands zu seinem Vater zeigt. Doch wenn der alte Diener gestrichen wird, der bei der Übergabe von fürstlichen Juwelen an die Milford dieser vom Elend der Menschen erzählt, und sein Text von der Kammerzofe beiseite gesprochen wird, oder wenn in der Sterbeszene Ferdinand Luises Vater zwar Geld gibt, dieser aber nicht mehr wie bei Schiller begeistert berufliche Pläne macht und die Tochter darüber fast vergisst, dann sind soziale oder ökonomische Begründungen für die Konflikte ignoriert und verschenkt.

Was bei einer Inszenierung, die sich über drei weitgehend spannungslose Stunden hin zieht und zum Beispiel die Sterbeszene unverhältnismäßig langsam auswalzt, doch überrascht. Wie auch die Tatsache enttäuscht, dass es Stephan Kimmig weder gelang, eine einleuchtende Begründung für die Wahl von "Kabale und Liebe" zu finden, noch die Schauspieler zu einem homogenen Ensemble zu formen. So blieb der Abend eine langgezogene Enttäuschung.


 
 

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