Schon vor der Eröffnung der Ausstellung drücken sich einige Neugierige die Nasen platt an den großen Glasfronten der Neuen Nationalgalerie. "Was geschieht da drin?", mögen sie sich fragen. Nicht nur, dass kein Kunstwerk zu sehen ist, keine Installation, kein Bild an einer dafür eingezogenen Wand - die große Leere, die gab es schon bei anderen Ausstellungen im Glaskubus des Mies-van-der-Rohe-Baus.
Seltsam ist vielmehr, dass in dem ansonsten nüchternen Raum ein üppig mit ornamentalen Mustern verzierter Teppich verlegt wurde und - sozusagen als Krönung des Ganzen - mittendrin ein kristallener Leuchter von der Decke hängt. Der Künstler Rudolf Stingel hat aus dem Kunsttempel der Moderne eine Art orientalischen Palast gemacht:
"Ich wurde gefragt, ob ich einen Titel gebe. Ich gebe nie Titel, aber, eine Ausnahme nach der anderen. Und nach langen Debatten kamen wir, ich kam dann auf 'live'. Was den Auftritt meint. Es ist nicht so, dass ich jetzt erklären will, warum und wieso ich das mache. Das ist nicht in meinem Sinne. Es wäre mir auch genug, wenn man sagt, es sieht schön aus."
Angelehnt an das Muster eines indischen Agra-Teppichs konzipierte der 1956 in Südtirol geborene Künstler eine zigfache digitale Vergrößerung des Originalornaments. Eine Megainterpretation üppig asiatischer Schönheit, die sich irritierend an der Strenge der Architektur reibt.
Ganz offensichtlich ist dieser Effekt, wenn man die abstrakten Geraden des Museumsbaus mit den floralen Formen des temporären Bodenbelags vergleicht. Subtiler wird das Ganze, wenn man mit den Augen den Linien der offen liegenden Deckenkonstruktion folgt und mit den Füßen denen im Teppichmuster. Hier trifft schnurgerade auf etwas krumm-gerade und vereint sich zu einem visuellen "Autsch":
"Ja natürlich habe ich hier ein Element genommen, gegen das Mies und Bauhaus eigentlich angekämpft hat. Die haben hier das Raster und ich arbeite dagegen."
Dabei geht Rudolf Stingels trittsichere Intervention in der Neuen Nationalgalerie über die pure Nachahmung altbekannter Muster hinaus. Er verzichtet auf die Farbenpracht des indischen Originals und präsentiert seinen Teppich in dezenten Schwarz-weiß-grau-Tönen. Zudem handelt es sich dabei nicht um handgewebte Wolle, sondern um strapazierfähige Industrieware.
Auf diese Art inszeniert und hinterfragt der in New York lebende Künstler auch sonst augenscheinliche Schönheit. Er nimmt banal billige Materialien und erhebt sie zu Kunst, er nutzt die Spuren, die der Alltag in ihnen hinterlässt für seine wundersamen Formationen.
So zeigte er etwa vor gut zwei Jahren im New Yorker Whitney-Museum Fußabdrücke in Styropor als poetisches Sinnbild für das Kommen und Gehen aus dem - beziehungsweise in das - Nichts. Kerben und Furchen in Dämmplatten gerieten zum organisch strukturierten Relief und die Dreckflecken auf einem an die Wand gehängten Teppich wurden Teil eines abstrakten Gemäldes.
Auch den jetzt in der Neuen Nationalgalerie ausgelegten Teppich sieht der Künstler als übergroßes Bild. Stingel versteht sich als Maler - egal ob er Fußböden verlegt, Baustoffe bearbeitet oder ganz klassisch mit Pinsel und Ölfarbe ans Werk geht.
So wie bei den vier im Untergeschoß gehängten, großformatigen Schwarz-Weiß-Gemälden. Sie zeigen die Gipfel der Berge bei Meran, dem Geburtsort des Südtirolers, und die Stafelalp bei Davos, so wie sie Ernst Ludwig Kirchner einst ablichtete. Auf den ersten Blick ist das Fotorealismus pur, so genau gibt der Autodidakt Stingel die unwirtliche und doch majestätische Bergwelt wieder, bringt Licht und Schatten mit akkuraten, dicht an dicht gesetzten Punkten auf die Leinwand:
"Der Unterschied zum Fotorealismus ist groß. Der Fotorealismus in den 70er Jahren, der war ja darauf aus, das Foto ohne jede Handschrift wiederzugeben. Das ist in meinem Falle ja nicht. Ich nutze eine pastose Malerei. Man sieht die Farbe, aufgetragen."
So kann man diese so akribisch wie brillant gemalten Bilder als biografischen Rückblick deuten. Ansonsten aber fällt es schwer, Rudolf Stingels Werk einzuordnen. Er setzt bewusst auf den ästhetischen Effekt, nicht aber auf das Spektakel.
Man kann seine Kunst sinnlich erleben, kann sie mitunter anfassen oder betreten. Ja, sie sieht oft einfach schön aus, ganz so, wie der Künstler es sich wünscht - sie gefällt, ohne gefällig zu sein. Dabei geht sie vielleicht nicht in die Tiefe, aber zumindest ein Stück weit unter die Oberfläche.
Service:
Die Ausstellung "Rudolf Stingel - LIVE" ist ab dem 10. Februar 2010 in der Neuen Nationalgalerie Berlin zu sehen.
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