Dieser Hotelgast ist ein Nervenbündel. Und weil er es selber weiß, hat er sicherheitshalber gleich drei Zimmer gemietet, um sicher zu sein, dass er in seinem Schlaf nicht vom Lärm seiner Zimmernachbarn gestört wird.
Dumm nur, dass in der Stadt eine Messe stattfindet und der Nachtportier die beiden Nachbarzimmer unter der Hand weitervermietet hat. Und zwar an einen lauten Rocker und ein ebenso lautes, stark übergewichtiges Liebespaar. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, zum Schluss wird der Hotelgast seine Nachbarn und das halbe Hotelpersonal über den Haufen schießen, bloß um endlich schlafen zu können.
Die groteske Geschichte wurde 1960 vom Filmmusikkomponisten Nino Rota komponiert, dessen zehn Opern in Deutschland weitgehend unbekannt sind. Der Regisseur Aron Stiehl hat "Nacht der Ängste" ("La notte di un nevrastenico") nun gemeinsam mit Giacomo Puccinis Erbschleicherkomödie "Gianni Schicchi", auf die sich Rota auch musikalisch bezieht, in Magdeburg inszeniert.
Bühnen- und Kostümbildner hat die drei Hotelzimmer so bauen lassen, dass nur gut anderthalb durch die Bühnenöffnung sichtbar sind, das Bühnenbild wird je nach Bedarf hin und hergeschoben. Höhepunkt des Werks ist das durchaus explizit gezeigte Liebeslieben im rechten Zimmer. Manfred Wulfert (im Fat-Suit mit auf- und abschwellender Erektion) und Anita Bader spielen die verschiedenen Stellungen zwischen Ekstase und Langeweile im Bett sowie die wiedererwachende Lust beim Auftauchen des erzürnten Neurasthenikers zu lasziver Nachtclubmusik mit größtem komödiantischem Vergnügen.
Martin-Jan Nijhof gibt den ruhebedürftigen Titelhelden als ständig von der Lautstärke seiner Umgebung überforderten Kotzbrocken. In seiner Musik plündert Nino Rota den Formenvorrat der veristischen Opern, etwa Puccinis oder Leoncavallos, fügt aber auch Populärmusik seiner Zeit hinzu, und der Stilmix kommt an beim Publikum.
Schon in der "Nacht der Ängste" hat das Publikum viel gelacht, aber Aron Stiehl dreht die Schraube in "Gianni Schicchi" noch deutlich weiter ins Sarkastische. Er verlegt die Handlung aus dem mittelalterlichen Florenz ins heutige Magdeburg.
In der weitläufigen Wohnung des steinreichen Buoso Donati hängen ein FC-Magdeburg-Plakat auf dem Klo und ein Foto des Doms im Wohnzimmer. Aber es handelt sich glücklicherweise nicht um eine jener platten Aktualisierungen, die sich in Second-Hand-Klamotten und schäbigem Dekor erschöpft. Vielmehr zeichnet er das genaue Bild einer verkommenen Sippschaft, die für das riesige Erbe skrupellos auch über weitere Leichen geht. Die türkische Putzfrau und Zeugin der kriminellen Machenschaften wird kurzerhand erschossen, hinter dem Sofa mit der Axt in handliche Teile zerlegt und im Eisschrank zwischengelagert.
Der im Libretto als Ausländer beschriebene Gianni Schicchi ist Türke, seine Tochter ein "Kopftuchmädchen", das als Schwiegertochter für den Neffen Rinuccio vollkommen indiskutabel scheint.
Aus dieser Konstellation schlägt Aron Stiehl nun kräftig Funken und lässt den schaurigen Hintergrund der wirkungsvollen Komödie immer wieder durchscheinen. An den großen Überwältigungsmomenten von Puccinis Partitur nimmt er sehr geschickt das Tempo aus der turbulenten Handlung, lässt der Rührung des Publikums angemessenen Raum. Der Dirigent Johannes Stert übertreibt es glücklicherweise nicht mit der Sentimentalität und hält die Magdeburgische Philharmonie angenehm im Fluss, der Tenor Iago Ramos stürzt sich mit voller Stimme und starrem Blick auf den Dirigenten ins Abenteuer, Hale Soner singt die berühmte Arie "O mio babbino caro" angenehm verhalten und Bruno Balmelli gibt den gerissenen Gianni Schicchi ebenso verschmitzt wie charaktervoll.
Am Magdeburger Theater darf das Publikum genau an den richtigen Stellen nach Belieben lachen oder weinen, mehr kann man von einem Komödien-Doppelabend nicht erwarten.
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